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Über die Enstehung eines speziellen Social-Web-Tools für Wissenschaftler

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Seit 15. Februar 2010 gibt es eine eigene Social Software für Wissenschaftler – ScienceFeed. Dabei handele es sich aus einer Mischung aus Facebook und Twitter, wie Marc Scheloske von „Echolot – Beobachtungen aus der Wissenschaft“ feststellt. In seinem Blog hält er fest:

Es sieht aus wie ein schlanker, eleganter Mix aus Twitter, FriendFeed, Blogkommentaren und Buzz. Und es ist – so jedenfalls die Idee – zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Wissenschaftlern, die sich zu aktuellen wissenschaftlichen Themen miteinander austauschen.

ScienceFeed stammt aus dem Entwickler-Haus ResearchGATE, das bereits mit dem gleichnamigen Produkt auf sich aufmerksam machte. Das Xing-Pardon für Forscher sei laut des Blog-Autors ein beachtliches Erfolgsmodell. Die Zahlen geben ihm recht: 250.000 Wissenschaftler legten bereits Profile bei ResearchGATE an.

Doch brauchen Wissenschaftler überhaupt ein eigenes Web 2.0-Tool? Bieten die bisherigen Tools, die mehr oder weniger für alle User-Gruppen konzipiert wurden, nicht genügend Abgrenzungspotenzial? Oder wollen Wissenschaftler lieber unter sich sein? Denn auf den ersten Blick sieht es so aus, als könne ScienceFeed gar nicht viel mehr als FriendFeed oder Posterous. Wer entscheidet eigentlich, dass ein neues Tool her muss und wie sieht eigentlich die „Produktionskette“ für Tools aus? Um das einmal näher zu untersuchen, melde ich mich kurzerhand bei ScienceFeed an. Ich bin zwar kein Wissenschaftler, aber ich forsche ja doch irgendwie, nicht wahr?

Bei ScienceFeed angekommen stelle ich eine große Ähnlichkeit zu Facebook fest. Selbst das Schema ist ähnlich. Später werde ich lesen, dass ScienceFeed an FriendFeed angelehnt ist, welches wiederum von Facebook abgekupfert sein soll. Auch bei ScienceFeed kann man zwischen privaten und öffentlichen Accounts unterscheiden. Außerdem sind Direkt-Nachrichten möglich. Ich klicke mich einfach mal durch. Ich suche die Diskussionen, die im Echolot-Blog angepriesen wurden. Doch kein Klick führt zu ihnen. Also versuche ich es einfach mal mit dem Suchfeld, das mir – ganz nach Gutenberg-Diagramm – auf der Startseite sofort ins Gesicht springt. Dort trage ich „king“ ein. Sofort spuckt ScienceFeed eine Abfolge von twitterähnlichen Kurzmitteilungen aus, die überwiegend von Twitter oder FriendFeed kommen. Die meisten Tweets stammen von einer Handvoll Mitglieder. Aber folgender Tweet von Martin Fenners Twitteraccount fällt mir besonders auf:

„I asked Ijad Madisch „What is the advantage of having a social networking tool specifically for scientists?“… re: http://ff.im/fYJvF


Ijad Madisch ist einer der Entwickler von ScienceFeed. Seine Erfindung wurde bereits im Echolot mit folgendem Zitat in Verbindung gebracht:

„Das World Wide Web wurde ursprünglich dafür entwickelt, Forschungsergebnisse einfacher und schneller zu verbreiten. Ich glaube, mit unserem neuen Service geben wir dem Internet einen Teil seiner anfänglichen Bedeutung zurück“

In diesem Zitat steckt vielleicht schon ein Teil der Produktionskette eines Web 2.0-Tools – und zwar die Idee. Ein Klick auf den Link des oben genannten Tweets in ScienceFeed und schon leitet die Software den User auf den FriendFeed-Beitrag. Die Wechselwirkung verschiedener Tools stellt Scheloske in Echolot fest:

Das interessante an ScienceFeed ist – soweit ich das auf den ersten Blick für mich feststellen kann – , daß die Diskussion eines Statements auf verschiedenen Wegen erfolgen kann. Es kann einerseits Anschlußstatements bei Twitter oder eben durch einen ScienceFeed provozieren, es kann aber andererseits (und das ist neu) auch direkt auf der jeweiligen Seite weiterdiskutiert werden. Und das sogar ohne jegliche Zeichenbeschränkung. Und Diskussionen können auch in Gruppen organisiert werden – auch das muß bei Gelegenheit einfach ausprobiert werden.

Hier also ist die USP (Unique Selling Proposition) des neuen Tools. Station zwei in der Produktionskette: Planung und Begründung.

Ich lese weiter im FriendFeed-Beitrag, gepostet von Benjamin Tseng, der sich selbst als Science-Nerd bezeichnet. Hier verbirgt sich ein Screenshot des TechCrunch-Blogs, der über den Start von ScienceFeed berichtet. Unter der Grafik reihen sich zahlreiche Kommentare aneinander – und die sind wirklich interessant. Zum einen spiegeln sich hier die Gedanken um den Sinn von ScienceFeed wieder, zum anderen kann sich der Leser ein Bild machen, ob ScienceFeed Erfolg haben könnte. So ist hier mehrmals die Rede davon, dass ScienceFeed zu sehr Facebook, FriendFeed und ResearchGate ähnle. Brian Krueger – LabSpaces bringt es auf den Punkt:

This is from the same guy that’s behind researchgate. This really couldn’t be a more blatant knock-off of friendfeed. Can we please have a fresh idea and innovation in this niche?

Im TechCrunch-Blog, der als Screenshot auf Tsengs FriendFeed-Eintrag hinterlegt ist, kommen schließlich die Entwickler zu Wort. So haben sie laut Co-founder of Sciencefeed, Dr. Ijad Madisch, die Software entwickelt, „because the science and research community was looking for a Twitter-like social media platform that was tailored to the industry. The biggest challenge Sciencefeed will face is to recruit users to the platform; but the startup could forge partnerships with research institutions to gain a loyal following.“

Martin Fenner, Verantwortlicher des oben erwähnten Tweets, hat in seinem Blog Gobbledygook ein Interview mit Madisch veröffentlicht. Vorab zeichnet Fenner das Bild der vernetzten Wissenschaftler. Entgegen der weitläufigen Meinungen sind Wissenschaftler also nicht kommunikationsfaul. Auf FriendFeed soll die Gruppe The Life Scientists regelrecht boomen. Ein weiterer Grund Social Media speziell für Wissenschaftler aufzusetzen? Jedenfalls sind Forscher wohl eine Gruppe mit unbegrenztem Potenzial für Dialog und Austausch. Martin Fenner jedenfalls entdeckt viele Ähnlichkeiten mit FriendFeed. Doch so berichtet Dr. Ijad Madisch im Interview:

„There are two differences from FriendFeed which we have already implemented: 1) Specific scientific publications can easily be searched for and then entered as a linked-in reference within a feed, and, 2) Groups can be marked as an event (e.g. a conference). My vision is to have event streams in ScienceFeed, which then can be visualized and presented in a much better way. However, the most important part is that we listen to the feedback of the community and develop specific applications based on their ideas and feedback.“

Eines zeigt die Diskussion um ScienceFeed: eine ganze Branche ist in Bewegung – jedenfalls im Social Web. Unterstützt wird die Bewegung insbesondere auch dadurch, dass Wissenschaftler das Internet verstärkt nutzen, um schnellere und einfachere Wege für die Veröffentlichung von F0rschungsergebnissen zu finden. Das unterstützt auch der Kommentar von Matt Leifer:

My own take is that hyper-specialized social networks for specific topic areas of science might work well, e.g. a QuantumInformationFeed or a BioInformaticsFeed, because there is a good chance of a person being interested in the majority of posts. Also, such hyper-specialized networks stand a good chance of offering specialized features that are useful, e.g. a good way of citing arXiv articles and typesetting equations for the former and ability to interface with various data APIs for the latter. Pretty much anyone can set up such a site with open source tools, e.g. Elgg, Laconica, etc., so I don’t think we need to involve private companies or big research grants. I also don’t think that broad social networks, e.g. ScienceFeed or even PhysicsFeed, will work so well because it is just as easy to find relevant people via groups and lists on the mainstream social networks and scientists in general don’t have the same priorities about which features are important. Of course, there is the perennial worry about FriendFeed disappearing, but by that time I imagine that Google will have worked the kinks out of Buzz.

Letztendlich muss die Zeit zeigen, ob sich ScienceFeed bewährt. Große Einrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt jedenfalls sind bei ScienceFeed schon unterwegs, wenn bislang auch nur für „Checking out sciencefeed.com“.

  1. Hi! Danke für die ausführliche Info. Der Artikel war sehr interessant für mich.

  2. Stefan

    Super Artikel. Meine Güte, du hast dir richtig Mühe gegeben. Ich hoffe es klappt mit den Seiten. Wünsche denen viel Erfolg.

  3. Der Meinung von Stefan kann ich mich nur anschließen! Super Artikel! Danke!

  4. Ich kann eigentlich nur wiederholen, was die Poster über mir gesagt haben. Ein genialer Artikel. Hat richtig Spaß gemacht zu lesen und ich habe mich noch weitergebildet! Danke

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