Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Nestlé und die Biopiraterie oder was manche Unternehmen aus Krisensituationen (nicht) lernen

4

Noch keine drei Monate sind vergangen, seitdem Nestlé in den Medien mit dem Palmölskandal negativ auf sich aufmerksam machte. Kaum wachsen hauchdünne Hälmchen über diese Krise, rückt Nestlé online erneut in einen ungünstigen Mittelpunkt.

Die unabhängige entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern (EVB) hat herausgefunden, dass Nestec S.A., eine Tochterfirma Nestlés, die im Bereich Forschung und Entwicklung tätig ist, unlängst fünf Patente auf die Verwendung der Pflanzen Roiboos und Honeybush angemeldet hat. EVB bezeichnet dieses Verhalten als „Biopiraterie“: „Für saubere Kosmetik macht Nestlé dreckige Geschäfte“.

Der Grund für diese Aussage: Mit der Patentierung verletzt Nestlé das südafrikanische Recht und die Convention on Biological Diversity (CBD). Gemäß dem südafrikanischen Recht zur Biodiversität ist für die Erforschung genetischer Ressourcen zum Zweck der Patentierung und/oder Kommerzialisierung eine Regierungsbewilligung erforderlich.

Nach Angaben der EVB hat das südafrikanische Umweltministeriums mitgeteilt, dass Nestlé diese Bewilligung nicht erfragt und somit natürlich auch nie erteilt bekommen habe. Das überrascht nur mäßig – als Voraussetzung für die Regierungsbewilligung muss ein Abkommen über die Aufteilung der aus Patentierung und kommerziellen Verwendung entstehenden Gewinne zwischen Patentinhaber und Ressourcenland ausgehandelt werden.

Dem EVB zufolge will Nestlé mit der Patentierung sein Kosmetikgeschäft erweitern. Dem Konzern gehören mehr als 30 Prozent des Kosmetikunternehmen L’oréal und über 50 Prozent an Innēov, einem Joint-Venture mit L’oréal. Vier der fünf Patente beziehen sich auf die Verwendung der Pflanzen zur Behandlung von Haut- und Haarkrankheiten. Innēov soll angeblich Vertreiber der Produkte sein, die aus den Patentierungen hervorgehen und mit denen Nestlé sein Kosmetikgeschäft erweitern will.  Die Ansprüche, die Nestlé stellt, sind beträchtlich und umfassen die Verwendung für eine Vielzahl an Produkten von Salatsauce bis hin zu Lippenstift.

Wieder einmal macht Nestlé auf sich aufmerksam und haut kommunikativ in die gleiche Kerbe wie schon beim Palmöl-Skandal. Ein kurzer Rückblick:

Anfang März wies die Umweltschutzorganisation Greenpeace in einem Video darauf hin, dass Nestlé Palmöl von der indonesischen Firma Sinar Mas bezieht. Sinar Mas ist einer der großen Player bei der Rodung des Regenwaldes in Indonesien. Durch die Rodung zerstören Firmen wie Sinar Mas den Lebensraum der Orang-Utans. Greenpeace warf Nestlé vor, sich an dieser Zerstörung zu beteiligen.

Das Video zog weite Kreise, die darauf folgende Krisensituation des Konzerns wurde unter anderem auf der Facebookseite von Kitkat und vielen Blogs aus unterschiedlichsten Sichtweisen thematisiert. Besondere Beachtung fand die erste Reaktion des Lebensmittelmultis: Nestlé ließ das Video von YouTube entfernen und provozierte damit erst recht den so genannten Streisand-Effekt.

Auch im weiteren Thematisierungsprozess ließ Nestlé qualifizierte und nachhaltige Stellungnahmen vermissen. Ende Mai gab der Konzern in einer Pressemitteilung die Zusammenarbeit mit der NGO The Forest Trust bekannt, die den Konzern im „Aufbau einer verantwortungsbewussten Lieferkette“ unterstützen soll. Auch diese Maßnahme wird kritisiert und ändert nichts am Fehlverhalten Nestlés während der akuten Krise.

Hinsichtlich der Kommunikationsstrategie scheint man bei Nestlé nicht wirklich vorangegangen zu sein. Auch für die Problematik der Biopiraterie gilt: Weder auf der deutschen Nestlé-Seite, noch auf nestle.com ist auch nur eine einzige Stellungnahme zu den Vorwürfen zu finden, die bereits vom Greenpeace-Magazin und anderen Online-Medien aufgegriffen wurden.

Die Googlesuche mit den Suchwörtern „Nestlé“ und „Rooibos“ führt auf der ersten Ergebnisseite fast nur zu – für Nestlé – negativen Ergebnissen. Ergebnis Nummer fünf mit der Headline „Nestlé denies ‚rooibos robbery'“ linkt zurzeit auf eine 404-Seite, die einzige Stellungnahme muss der interessierte User also separat googlen.

Nestlé-Pressesprecher Ravi Pillay äußert sich darin laut businessday.co.za wie folgt: „Nestec has not filed any patent relating to the plants themselves, or extracts of the plants.“ Laut Pillay hätten südafrikanische Zulieferer Extrakte und Materialien der Pflanzen Honeybush und Rooibos an zwei Forschungseinrichtungen von Nestlé in der Schweiz und in Frankreich geliefert. Um die Forschungsergebnisse zu schützen, habe die Tochterfirma Nestec daraufhin in der Schweiz Patente angemeldet. Ravi Pillay dazu: „Nestlé has not made any commercial use of these patents, and has no plans to do so in the near future.“ Weiterhin erklärte Pillay, dass Nestlé bei einer kommerziellen Nutzung dieser Patente selbstverständlich an das südafrikanische Recht und die Konvention zur Biodiversität halten werde.

Allein die Tatsache, dass man als User nach dieser Stellungnahme regelrecht suchen muss, zeigt, wie wenig Nestlé aus dem Palmölskandal gelernt hat. Wie sehr sich solch ein Verhalten auf die Wahrnehmung und das Image des Konzerns im Social Web auswirken, hat Mike Schwede, Experte für soziale Netzwerke, im Auftrag von Social Media-Berater Thomas Hutter untersucht. Das Ergebnis ist deutlich: Die Anzahl der Negativnennungen über Nestlé in Blogs stieg nach der Veröffentlichung des Videos von Greenpeace innerhalb von drei Tagen um beinahe 20 Prozent. Ebenso veränderten sich die im Zusammenhang mit Nestlé verwendeten Suchwörter.

Einige Fragen bleiben unbeantwortet. Wieso existiert die Stellungnahme Pillays nicht im Pressebereich der Konzernseiten? Nestlé sitzt erneut ein negatives Thema aus und reagiert nicht nennenswert. Das Thema erfährt weniger Beachtung durch Blogs als es beim Palmölskandal der Fall war, ja. Das ist jedoch noch lange kein Grund, die (fehlende) Kommunikationsstrategie weiterzuführen. Ob Nestlé in dieser Sache das Verhalten ändert, bleibt fraglich.

Stand 22.06.2010, 18:27 Uhr

  1. PeterNo Gravatar

    Ehrlich gesagt sollte man weniger über Nestlés PR-Gebaren den Kopf schütteln als vielmehr über ihre zerstörerische und gefährliche Firmenpolitik, die man auch mit der aktivsten PR und Reklame nicht mehr schönreden und übertünchen kann… Es scheint also eher, als wenn Nestlé in jeglicher Hinsicht das eigene Verhalten nicht ändert (die Kommunikationsstrategie ist da ehrlich gesagt das unwichtigste Element), um Nachteil der Menschen & der Umwelt.

  2. Magdalena TischerNo Gravatar

    Hallo Peter,

    ich stimme dir vollkommen zu. Viel zu oft handeln Unternehmen aufgrund Gewinnmaximierung rücksichtslos und ohne Respekt für Menschen, nachfolgende Generationen und die Umwelt. Nestlé ist da ja leider kein Einzelfall.
    Auch mir wäre es lieber, solche Krisen und Probleme gäbe es nicht. Dennoch finde ich das Handeln von Nestlé sehr „interessant“ und es geht hier nicht um ein Übertünchen an sich, sondern darum, wie viel mehr Aufmerksamkeit solchem Fehlverhalten durch Online-Medien zukommt.

    Ich kann mich daran erinnern, als ich das erste Mal mit Verfehlungen Nestlés in Kontakt kam – das war vor 10 Jahren im Keller eines Ladens in der damals noch deutlich „linker gestalteten“ Hamburger Schanze. Dort gab es eine Ausstellung über die Vertreibung Einheimischer, die Nestlé veranlasste, um das Gebiet für sich zu beanspruchen. Es ist keine Frage, welche Methode der Darstellung mehr Aufmerksamkeit erreicht..

    Der Konzern unterschätzt definitiv die Kraft dieser Medien und die Auswirkungen auf ein durchaus interessiertes Publikums, dass sich über diese Medien informiert und ihre Kaufentscheidung nach Negativberichten durchaus überdenkt. Inwieweit durch eine bessere Einschätzung nicht nur eine bessere Krisenkommunikation sondern auch eine Verhaltensänderung abgeleitet wird, ist natürlich einmal mehr eine (bisher) unbeantwortete Frage.

  3. Erklärung von BernNo Gravatar

    Hallo zusammen,

    Danke fürs Aufgreifen des Themas. Wir sind irgendwie noch froh darüber, dass Nestle nicht viel aus der Greenpeace-Palmöl-Kampagne gelernt hat.

    Die „Erklärung von Bern“ (EvB) hat zusammen mit der südafrikanischen NGO „Natural Justice“ diesen Fall recherchiert und belegt. Auf Nestlés Leugnen, dass sie keine Roiboos- und Honeybush-Biopiraterie betreiben, haben wir eine gut belegte Replik: http://www.evb.ch/cm_data/Response_by_Natural_Justice_and_the_Berne_Declaration_2.pdf

    Ob sie wollen oder nicht: Das Biopiraterie-Problem ist in der Öffentlichkeit angekommen. Ignorieren und Leugnen sind keine Lösungen. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem ernsthaften Dialog mit der Zivilgesellschaft?

  4. SchröderNo Gravatar

    Firmenpolitik würde ich das schon lange nicht mehr nennen,was Nestle da betreibt.Lügen trifft es eher.

Die Kommentare sind deaktiviert.