Social Media im Hörsaal – Fluch und Segen

Nachdem meine KommilitonInnen in den letzten Wochen viel über PR-Fachthemen – zum Beispiel Content Strategy oder Gamification – gebloggt haben, möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in den PR-Studentenalltag zu geben. Anlass ist ein kleines Shitstörmchen, das ich auf Twitter unter den Hashtags unserer PR-Studiengänge #ojpr und #onkomm geerntet habe.

Mittwochmorgen am Mediencampus in Dieburg. Für angehende Online-JournalistInnen, PR-Menschen und ONKOMMler steht im ersten Vorlesungsblock Medienrecht auf dem Plan. Mich an meinem mitgebrachten Tee festhaltend schleppe ich mich in den großen Vorlesungssaal und geselle mich zu bekannten Gesichtern. Die Dozentin beginnt mit ihren Vortrag und meine müden Augen versuchen, sich auf Paragraphen zu konzentrieren, die der Beamer an die Wand wirft. Doch es geht nicht.

Immer wieder komme ich aus dem Lesefluss, weil im unteren Teil meines Blickfeldes bunte Bilder aufpoppen. Nein, ich halluziniere nicht! Es sind die Laptopbildschirme meiner KommilitonInnen, auf denen die Party stattfindet. Im Sekundentakt poppen in dem blauen Facebook-Interface einer Mitstudentin neue bunte Bildchen auf – Selfies, Urlaubsfotos oder Teaserbilder von News. Auf einem anderen Screen sehe ich in ständigem Wechsel verschiedene Sommerkleider aus einem Onlineshop.

Ohne Laptop geht nix. Foto:  Brett Jordan, Flickr
Ohne Laptop geht nix. Foto: Brett Jordan, Flickr

Die meisten meiner Versuche, die in grauer Schrift gehaltene Kanzleisprache auf den Powerpoint-Folien zu lesen, scheitern. Denn überall blinkt es. Selfies von Menschen, die ich nicht kenne, tauchen in Newsfeeds auf und rauben meine Aufmerksamkeit. Die wende ich nämlich unweigerlich eher Dingen zu, die sich bewegen, als solchen, die statisch sind. Und ich kann psychologisch gar nicht anders, als mich auf Dinge zu fokussieren, die farblich einen Kontrast zur Umgebung darstellen. Sich auf Newsfeeds bewegende bunte Bilder haben in einem eher dunklen Hörsaal also gute Chancen, meinen Blick auf sich zu ziehen – ob ich will oder nicht.

Langsam bekomme ich Kopfschmerzen, was sicher auch meiner Erkältung geschuldet ist. Nicht umsonst gibt es in New York eine Professorin für Neue Medien, die auf den Tischen ihrer Studierenden keine Laptops, Tablets oder Smartphones sehen will, denke ich.

Doch Halt!

Als Studi wäre ich selbst kein Fan solcher Disziplinarmaßnahmen. Bloß bin ich der Meinung, dass sich das Smartphone viel besser dafür eignet, zwischendurch mal einen Blick auf die Facebook-Timeline, Twitter oder SPON zu werfen, wenn man nicht bis zur Pause warten kann oder will. Auf dem Smartphone sehe wenigstens nur ich oder vielleicht die Sitznachbarin den Content. Jemand, der sich Fotos auf dem großen, hell erleuchteten Laptopscreen betrachtet, bespaßt gleich noch die Reihen hinter sich.

In meiner Wut habe ich, der Harmoniebedürftige, der auf Twitter sonst nur Lesetipps gibt, spontan zwei Tweets abgesetzt. Dabei hatten wir erst kürzlich in einem anderen Seminar darüber gesprochen, dass man leicht in einen Shitstorm geraten kann, wenn man sich entgegen dem Mainstream äußert. Und in einer Hochschulvorlesung einen aufgeklappten Laptop auf dem Tisch zu haben ist – zum Ärger mancher ProfessorInnen – seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts Mainstream.

In meinem Studiengang wird Social Media sogar in der Lehre eingesetzt. Und als Student profitiere ich davon. Dazu gehört das Verfolgen von Diskussionen der Fachcommunities auf Twitter und gruppeninterne Kommunikation auf Facebook. Auf Veranstaltungen, etwa dem Media Monday, oder Konferenzen, wie dem am 12. und 13. Juni stattfindenden Content Strategy Camp, bekommen wir Studis auf Twitter live Reaktionen auf Vorträge oder Diskussionen mit. Gleichzeitig können wir uns selbst einbringen – auf Augenhöhe mit den Vortragenden oder WorkshopgeberInnen.

Ob das Nutzen von Social Media während einer (Lehr-)Veranstaltung für alle Anwesenden hilfreich oder ablenkend ist, hängt aus meiner Sicht von der Plattform und damit der Art des Contents ab. Auf Twitter sind die Inhalte sehr textlastig, auch wenn immer mehr Foto- und Videocontent dazu kommt. Wenn in einem Hörsaal also jemand in den Reihen vor mir seinen Laptop auf dem Tisch stehen hat, um Tweets abzusetzen, lenkt mich das eher nicht von der laufenden Präsentation ab; die Schrift kann ich aus dem Augenwinkel sowieso nicht lesen. Wohl aber auf meinem eigenen Device, wo die Tweets der anderen eine willkommene Bereicherung sein können, sofern das Sprechtempo des Vortragenden es zulässt, parallel Tweets zu lesen.

Deswegen habe ich mir vorgenommen, von nun an stärker darüber zu reflektieren, wann es sinnvoll ist, welche Social Media Kanäle zu nutzen. Und wann es am Besten ist, seine volle Aufmerksamkeit auf eine Powerpointfolie zu richten. Klar ist: Ich kann meine KommilitonInnen nicht dazu zwingen, sich während einer Vorlesung keine Selfies auf ihren Laptops anzuschauen, weil ich diese Fotos einfach nicht sehen mag. Eine Lösung wäre natürlich, dass ich mich nächstes Mal einfach etwas weiter nach vorne setze.

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