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Fiktion oder Realität? – Wenn Dystopie in der Gegenwart ankommt

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Krieg, Chaos und Ruinen. Darauf folgt die neue Ordnung. Ein neuer, hoffnungsvoller Staat, wie die neue Regierung es verkaufen möchte. Eine Ordnung, die einen hohen Preis mit sich bringt. Doch ist dieser Preis es Wert seine eigene Freiheit, Welt und schlussendlich sich selbst ganz aufzugeben?
The Handmaid´s Tale – Der Report der Magd.

Versklavung im Drehbuch

Ein simpler fiktiver Roman, der die Geschichte von dem neuen Amerika erzählt, das nach dem Fall von religiösen Fundamentalisten und Fanatikern reformiert und in „Gilead“ umbenannt wurde. In diesem „neuen“ Amerika werden die noch fruchtbaren Frauen, aufgrund einer landesweiten Fruchtbarkeitskrise, zu Mägden versklavt und dazu gezwungen die Kinder der nächsten Generation ohne künstliche Befruchtung zu gebären. Diese Mägde werden einem Ehepaar zugeteilt und müssen in dieser Familie Ihre Rolle als Gebärmaschine spielen. Ihre Rechte? Keine.
Doch es gibt auch einen Widerstand. Die Rebellion „Mayday“, die sich aus der Unterdrückung des Staates langsam hervorgehoben hat und im Untergrund gegen Gilead agiert.
Dieser Widerstand spielt vor allem in Atwoods Fortsetzung „The Testaments – Die Zeuginnen“ eine große Rolle, denn hier geht es um die nächste Generation an Frauen und den Fall Gileads.
Diese neue Generation die sich nach „The Handmaid´s Tale“ erhoben hat, hat nicht mehr mit der klassischen Fruchtbarkeitskrise zu kämpfen und hat von Geburt an nur ein Ziel vor Augen: Ihre Periode bekommen und so früh wie möglich verheiratet zu werden, damit die Geburtenrate wieder steigt.
Trotz all der Versklavung und Unterdrückung spielen Frauen also in der Geschichte Gileads die wichtigste und ausschlaggebendste Rolle. Sie sind die Stimme der Zukunft.
Gilead ist das perfekte Beispiel für einen totalitären Staat wie wir ihn sonst nur aus dystopischen Erzählungen kennen. Aus Büchern oder großen Kinofilmen, wie zum Beispiel der Hunger Games oder Maze Runner Reihe, in denen ebenfalls ein totalitärer Staat die absolute Kontrolle besitzt. Doch nun ist genau diese uns so weit entfernt und unrealistisch scheinende Welt im Heute angekommen und übernimmt alles was wir für unmöglich gehalten hätten.

Afghanistan. Nordkorea. Zwei Staaten die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch teilen sie eine Gemeinsamkeit. Die absolute Kontrolle. Margaret Atwoods Roman berichtet von genau diesem Zustand. Ein Land voller Regeln, Kontrolle und Unterdrückung, in dem bereits simples einem die Zunge kostet.

In Afghanistan und Nordkorea sieht das Ganze nur wenig anders aus.

„Heute hat in Kabul eine Katze mehr Freiheiten als eine Frau. Eine Katze kann sich auf die Eingangstreppe setzen und die Sonne im Gesicht spüren, sie kann im Park einem Eichhörnchen hinterherjagen“, so Schauspielerin Meryl Streep über die Frauenrechte in Afghanistan unter dem Taliban-Regime.

Ausgelöschte Rechte

Was wie ein schlechter Witz klingt, beschreibt genau die zunehmende Unterdrückung von Frauen und jegliche Vernichtung ihrer Rechte.
Während Männer ein Recht auf Bildung und Ausdrucksfreiheit haben, werden Frauen wie in Atwoods Roman auf eine Frühehe vorbereitet.
Das im Mai 2026 in Afghanistan erlassene Dekret Nr. 18 erleichtert nicht nur die frühe Verheiratung junger Mädchen, sondern erschwert auch spätere Scheidungen. Die frühere Regelung die ein Mindestalter von 16 Jahren vorsah? Abgeschafft. Stattdessen dürfen nun Ehen mit minderjährigen Mädchen bei Eintritt der Pubertät arrangiert werden. Hier wird die Pubertät als rechtlicher Bezugspunkt für die eventuelle Auflösung einer Ehe festgelegt und setzt die körperliche Entwicklung junger Frauen mit ihrer rechtlichen und psychologischen Entscheidungsfähigkeit gleich. Doch der Beginn der Pubertät kann individuell stark variieren, so dass nicht genau klar ist, ab wann Betroffene wirklich rechtlich handlungsfähig sind, wodurch die Voraussetzungen für eine freiwillige und aufgeklärte Zustimmung überhaupt nicht gegeben sind.

Vor allem wird aber das Schweigen junger Betroffener nach dem neuen Dekret als Zustimmung zur Eheschließung gewertet, was die bestehenden Machtverhältnisse, soziale Erwartungen und die Angst vor Konsequenzen vollständig ausblendet.
Und genau das zeigt, dass die Möglichkeit einer Scheidung nach außen hin suggeriert wird, in der Praxis für die Mehrzahl der Betroffenen jedoch unerreichbar bleibt. Die rechtliche Struktur ist asymmetrisch. Denn während Männer weiterhin unverändert über erweiterte Scheidungsrechte verfügen, sind Frauen auf die Zustimmung des Ehemannes oder ein gerichtliches Verfahren angewiesen. Zudem ist der Zugang zur Justiz für Frauen eingeschränkt und beinhält Hürden wie das Erfordernis eines männlichen Vormunds.

Aber die Frühehe ist nicht das Einzige Problem. Die Bildung bleibt gänzlich außen vor. Mädchen und Frauen wurden seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 systematisch entrechtet und dürfen die Schule nur noch bis zur sechsten Klasse besuchen. Die Universitäten sind für Frauen geschlossen. Und an dem Lehrplan? An dem arbeiten laut einer geflohenen afghanischen Rechtsanwältin Religionsgelehrte und nicht Bildungsexperten.
Frauen und Mädchen dürfen zudem nicht mehr in Parks und Sportstätten, nicht alleine reisen und müssen vor allem in der Öffentlichkeit ihr Gesicht verhüllen. In Sachen Bildung hatten Taliban-Vertreter zwar immer wieder betont, dass die Bildungsverbote nur vorläufig seien und man das eines Tages ändern werde, aber die Jahre vergingen und nichts passierte.

Doch diese geschlechtsspezifische Unterdrückung ist nur ein Gesicht der modernen Dystopie. Es gibt noch hunderte andere Formen der totalen Kontrolle. Und Nordkorea, offiziell Demokratische Volksrepublik Korea, trägt eines dieser düstersten Gesichter.
In diesem abgeschotteten Land legt das Regime Wert auf die totale Kontrolle und lückenlose Überwachung der Bevölkerung. Seien es Nachbarschaftsüberwachungen („Inminban“), bei denen sich Familienmitglieder und Nachbarn gegenseitig melden müssen, wenn jemand das Regime kritisiert oder heimlich ausländische Radiosender hört. Verlassen darf das Land ohne staatliche Erlaubnis niemand – selbst das Reisen von einer Stadt in die nächste ist streng reglementiert.
Der Staat ist wie eine einzige riesige Isolationsblase.
Das Internet wird massiv eingeschränkt, sodass die Bevölkerung keinen Zugriff auf das weltweite Internet hat. Es gibt lediglich ein staatlich kontrolliertes, extrem zensiertes Intranet namens „Kwangmyong“. Auch ausländische Medien sind verboten: Filme, Musik oder Nachrichten aus dem Ausland, vor allem aus Südkorea oder den USA, sind strengstens verboten. Wird man dabei erwischt, wenn man ausländische Medien konsumiert, muss mit härtesten Strafen oder Arbeitslagern gerechnet werden.

Glanzfassade des Terrors

Und schaut man hier auf die Bildung wird schnell klar – es findet eine Staatliche Gehirnwäsche statt – wie in Margaret Atwoods Roman. Bereits vom Kitaalter an lernen Kinder eine gefälschte Geschichtsschreibung, die die Herrscherfamilie wie Götter darstellt. Freies, kritisches Denken wird im Bildungssystem komplett im Keim erstickt.

Und wie in Afghanistan zeigt sich hier die Parallele zu „The Testaments“ und „The Handmaid´s Tale“. Die totale Kontrolle über das, was die Menschen wissen dürfen. Wenn man das Volk nämlich dumm und isoliert hält, rebelliert es nicht. Es bleibt leise.

Doch stimmt das auch? Fügt sich jeder dem Staat? Selbst die die keine andere Welt als die ihre kennen?

In beiden Romanen wird schnell klar – es gibt eine Rebellion, einen Widerstand. Mayday.
Mayday ist eine Organisation die sich aus früheren Rebellen und neuen Staatszweiflern leise erhoben hat, sich im Untergrund bewegt und versucht das Regime Gilead zu stürzen. Und wie in der Gilead-Welt gibt es auch im Taliban Regime und in Nordkorea Rebellen und Zweifler. Eine große benannte Gegenbewegung wie Mayday gibt es nicht, jedoch einzelne kleine Gruppen.

In Afghanistan wird der Widerstand vor allem von Frauen und ehemaligen Lehrkräften getragen. Es ist ein stiller, aber lebensgefährlicher Kampf um Wissen.
Es gibt geheime Schulen. Da Mädchen ab der 7. Klasse nicht mehr zur Schule dürfen, haben Aktivist:innen (wie die Organisation Daricha oder das Frontline Women’s Fund-Netzwerk) ein illegales, dezentrales Schulsystem aufgebaut. Unterrichtet wird heimlich in Kellern, Wohnzimmern oder hinter den Kulissen von Geschäften. Und auch der digitale Schmuggel ist hier ein Thema – Wissen wird digitalisiert. Lehrer:innen nutzen verschlüsselte Messenger-Apps und Online-Kurse, um Mädchen heimlich per Smartphone zu unterrichten. Fliegt so eine Schule bei einer Razzia der Taliban auf, drohen den Beteiligten Gefängnis und Folter. Es ist die exakte Realität des Widerstands aus The Testaments.

Und in Nordkorea? In Nordkorea gibt es aufgrund der extremen Überwachung kaum die Möglichkeit, dass sich Gruppen physisch treffen, um eine Rebellion zu planen. Der Widerstand funktioniert hier deshalb über den Schmuggel von Wahrheit.
Es gibt die Bewegung „Flash Drives for Freedom“. Ehemalige Nordkoreaner, die geflohen sind, arbeiten hier mit Aktivist:innen zusammen, um die Informationsblockade des Regimes zu brechen. Sie schmuggeln im großen Rahmen USB-Sticks, SD-Karten und Mikro-SD-Karten über die grüne Grenze – oft versteckt in Warenlieferungen – oder lassen sie mit riesigen Heliumballons über die Grenze fliegen. Auf diesen USB-Sticks befindet sich das „Gegengift“ zur staatlichen Gehirnwäsche. Hollywood-Filme, südkoreanische Serien, die zeigen, dass die Welt außerhalb Nordkoreas reich und frei ist, und vor allem ein komplett offline lesbares, koreanisches Wikipedia.

Die Menschen, die diese Sticks auf dem Schwarzmarkt kaufen und heimlich auf tragbaren Playern schauen, sind die Staatszweifler. Sie riskieren damit ihr Leben, aber durch die Filme bricht die Illusion der staatlichen Propaganda in ihren Köpfen zusammen. Und was heißt das jetzt? Dass trotz all der Unterdrückung und Folter, sowohl psychisch als auch physisch, noch Hoffnung besteht. Hoffnung für ein freies Land und vor allem freie Menschen.
Im Landesinneren eines Staates, wie des Taliban Regimes oder Nordkorea, gibt es bereits genügend Zweifler, die für ihre Freiheit kämpfen wollen, und einige die bereits mutig genug sind, um dies zu tun. Alles was wir tun müssen ist denjenigen zu helfen diese Freiheit auch durchsetzen zu können.

Denn am Ende verbindet den realen Untergrund und die Fiktion von „Mayday“ ein universeller, weltweiter Ruf, der sich von keinem Regime der Welt dauerhaft zum Schweigen bringen lässt: Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit.

Afghanistan: Neuer Tiefpunkt für Frauenrechte | frauenrechte.de

Afghanistan: Bildung für Afghaninnen – oder leere Versprechen? | tagesschau.de

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