re:publica: Sascha Lobo tadelt die Netzgemeinschaft

Sascha Lobo auf der re:publica 2014 (Flickr-Bild: HolgerRings; Lizenz: CC)
Sascha Lobo auf der re:publica 2014 (Flickr-Bild: HolgerRings; Lizenz: CC)

Die re:publica ist vorbei. “I’ve been looking for digital freedom”, so sang David Hasselhoff auf der Berliner Internetmesse.  Es war jedoch nicht der US-Entertainer, der die  Schlagzeilen über die re:publica dominierte.  Denn auch Internetspezialist und Blogger Sascha Lobo widmet sich dem Thema Internetfreiheit in seiner “Rede zur Lage der Nation”.

Sascha Lobos „Rede zur Lange der Nation“ vom 06.05.2014

Eine etwas andere Keynote

Es ist mittlerweile Tradition, dass Sascha Lobo am ersten Tag der re:publica eine Keynote-Rede hält. Normalerweise besticht der Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt durch Redegewandtheit und Witz – ein Grund, warum die Halle fast aus den Nähten platzt. Doch das gespannte Publikum wird desillusioniert: Heute gibt es keinen lustigen Sascha Lobo, der mit jedem zweiten Satz einen Lacher provoziert – heute ist Sascha Lobo nüchtern und seriös. Mit seiner „Rede zur Lange der Nation“ möchte er der Netzgemeinschaft ein Thema ans Herz legen, das er für wichtig erachtet.  Seine eröffnende Aussage lautet:  „Ihr habt versagt, was die Unterstützung jener angeht, die versuchen, das Internet frei, sicher und offen zu halten“ Ein Vorwurf an jeden, dem das Thema Internetsicherheit am Herzen liegt.  Eine rhetorische Taktik, die  Aufmerksamkeit erzeugt und an der einige Anstoß finden.

Bundessprecherin der Piratenpartei Anita Möllering twittert live von der re:publica.
Bundessprecherin der Piratenpartei Anita Möllering twittert live von der re:publica.

 

Das Versagen der Internetgemeinde

Warum „wir“ versagt haben? Lobos Aussage: „Weil ihr nicht spendet! Ihr wollt zwar ein freies Internet und heißt es nicht gut, von NSA  und Co ausspioniert zu werden, aber trotzdem verzeichnet ein Bayrische Vogelschutzverein jährlich mehr Zuwendungen als alle deutschen Netzpolitischen Organisationen gemeinsam“

„Politische Prozesse sind so lang, so schwierig. Da muss jemand dran bleiben. Das kostet Geld!“, appelliert der Internetpunk. Lobo fordert auf, aktiv zu werden und durch Investition in Organisationen wie Netzpolitik.org aus der Hobby-Lobby fürs Internet eine ernsthafte Lobby zu gestalten.

 

Neue Hashtags braucht das Land

Im Eiltempo erinnert Lobo en Detail an die NSA-Affäre. Einige Seiten Notizen später hält er kurz inne und sagt: „Und das war nur der Juni!“ Er will zeigen: Der Späh-Skandal war wie ein Meteoriten-Einschlag ins Internet. „Der Meteorit schlägt immer noch ein. Und ihr? Ihr installiert ein weiteres Plug-In und macht ansonsten weiter wie bisher. Ein bisschen twittern und sich über Profalla lustig machen – das war‘s“, so das nüchterne Urteil des Kultbloggers.

Aber eigentlich will er ja gar nicht das Wort NSA-Affäre gebrauchen. Denn eine Affäre ist schließlich irgendwann beendet. Stattdessen möchte Lobo Hashtags wie: #Spähangriff, #Spitzelattacke oder #Totalüberwachung prägen. Und auch die Geheimdienste bekommen von ihm einen neuen Namen –  #Überwacher oder #Spähradikale. Twitter-User gewöhnen sich an das neue Vokabular und fangen an, umzudenken.

Twitter-User lernen neue Vokalen
Twitter-User lernen neue Vokalen

 

Apell und Reaktion

Lobo hofft auf Unterstützung durch  Konzerne und Politik. Er fordert dazu auf, Bündnisse zu schließen und endet mit der Aussage:  „Wir sind nicht machtlos.“ Noch ein letzter Apell an alle, mit zu machen und im Zuschauerraum bricht tosender Applaus aus.

Die Reaktionen von Bloggerszene und Presse sind gemischt.

 

„Lobos Standpauke hat gesessen – bleibt zu hoffen, dass möglichst viele sie sich wirklich zu Herzen nehmen.“  – Techblog t3n

 

„Die Ermahnung von Sascha Lobo bei seiner jährlichen Grundsatzrede auf der re:publica […] Er mahnte Ähnliches auch schon vergangenes Jahr an, an selber Stelle. Ohne etwas zu bewirken.“manager-magazin.de

 

„Sascha Lobo ist jetzt offiziell nicht mehr lustig. […]Lobo mahnt aber nicht nur, er beschimpft sein Publikum auch.taz.de

 

„Sascha Lobo als Priester der Netzgemeinde: Er legte den Finger in die Wunde der mangelhaften Bemühungen für ein freies Internet – und er hat recht: Die Netzgemeinde hat immer noch nicht begriffen, wie sie ihre Ziele in der Politik nachhaltig durchsetzt.“ –  welt.de

 

Wie die Aufmerksamkeit umschägt

Obwohl die Presse Sascha Lobos Rhetorik kritisiert, scheint das Publikum seine Drohung ernst zu nehmen.  Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet sich Lobos Behauptung, es gebe keine politischen Ansprechpartner zum Thema „Weltüberwachung per Internet“ ausführlich im Feuilleton. Im Interview sind drei Experten aus Politik, Internetszene und Wissenschaft – und diese schließen sich Lobos Meinung an.

Es scheint, als habe Lobo eine Welle losgetreten – zumindest Aufmerksamkeit gab es genug. Die Reaktion der Öffentlichkeit: Experten-Interviews in überregionalen Zeitungen und unzählbare Blogeinträge so wie Twitter-Posts. Die Netzgemeinde ist gewillt, Lobos Aussage weiter zu transportieren – ob sie wie gewünscht spenden, wird sich noch herausstellen.

 

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Mit Wiki-Prinzip soll Transparenz entstehen

Der Bau des Berliner Flughafens schafft es nicht aus den Schlagzeilen zu kommen. Immer teurer wird er und die Eröffnung rückt in immer weitere Ferne. Ein neuer Ansatz der Piratenpartei schickt sich nun an, die so oft geforderte Transparenz in diese undurchsichtigen Bürokratiegeflechte zu bringen. Vergangenen Freitag ging mit „BERwatch“ eine Dokumentationsplattform online, die auf dem OpenSource-Prinzip basiert. Jeder kann dort helfen, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.

Screenshot der t3n-Fan-Seite. Quelle: Facebook

Aus der Kommunikations-Perspektive

Eine Frage die sich nun stellt, ist ob und wie „BERwatch“ letztlich von den Bürgern angenommen wird. Auch wenn die Nutzeraktivitäten noch recht überschaubar sind. Schließlich ist die Seite noch keine Woche im Netz, sind doch schon einige Kommentare, Fragen und Beziehungen zwischen Dokumenten zu sehen. Stellt sich nun die Frage nach der Art und Weise der Beiträge. Bei den Kommentaren reicht die Spannweite von zynischen Bemerkungen (vgl.: Kommentar von HaDi am 19.01.13 um 14.33 Uhr) über gut gemeinte Ratschläge (vgl.: Kommentar von pewlow am 19.01.13 um 16.03 Uhr) bis hin zu Einschätzungen (vgl.: Kommentar von Guderian am 19.01.13 um 04.02 Uhr), die sich tatsächlich näher mit einem der Sachverhalte beschäftigen und versuchen einen Mehrwert zu schaffen. Auch existieren bereits einige Dokumentbeziehungen, die mit einordnenden Kommentaren versehen sind. Festzuhalten ist also, dass die Plattform genutzt wird, wenn auch noch auf unterschiedliche Art und Weise. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass solche Systeme auch genutzt werden, nur weil sie zur Verfügung gestellt werden. Im Fall des Berliner Flughafens, der in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wird, dürfte das Interesse aber wohl groß genug sein um engagierte Bürger auch weiterhin zur Partizipation zu motivieren. Motivation ist hierbei ein entscheidendes Stichwort. Der Erfolg der Plattform wird nicht zuletzt auch dadurch begründet, wie gut den Piraten die Moderatorenrolle gelingt. So könnte es von Vorteil sein, engagierte Nutzer durch immer wieder neu eingepflegte Dokumente dazu bringen, am Ball zu bleiben. Auch ist es sehr wichtig, die Plattform hinsichtlich ihrer Usability immer wieder zu überprüfen oder besser noch, auf Anregungen der Community einzugehen. Hier lässt sich bereits das geschickte Verhalten (vgl.: Antwort von Martin Delius, Vorsitzender des U-Ausschusses, zum Kommentar von nikita am 19.01.13 um 13.33 Uhr) der Seitenbetreiber erkennen.

Wie geht es weiter?

Den Erfolg von „BERwatch“ vorauszusagen ist schwierig. Die Idee an sich aber ist sehr erfrischend und stößt mit ihrem basisdemokratischen Charakter auch in anderen Fraktionen auf Zustimmung. Auch auf Twitter erhielten die Piraten viel Zuspruch. Es gibt aber auch die eine oder andere Hürde, die das Projekt noch vor sich hat. So muss der Bürger zunächst einmal Durchhaltevermögen beweisen und einen kühlen Kopf bewahren, bei der Fülle an Material die einen zu Beginn zu erschlagen droht. Wer sich aber genauer mit der Seite befasst, kann sich zum Beispiel über die Kategorien eine Nische aussuchen und darin zum Experten werden. Zudem muss man davon ausgehen, dass streng vertrauliche Dokumente mit Geschäftsgeheimnissen oder Fragen der Sicherheit aus rechtlichen Gründen nicht auf der Seite publiziert werden. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses Martin Delius hat bereits klar gemacht, dass man sich hierbei im Rahmen der Gesetzte bewegen werde. Aber immerhin hat die Bevölkerung nun eine Möglichkeit, per Mausklick an Dokumente zu gelangen, die bislang nur schwer oder gar nicht für die Öffentlichkeit zugänglich waren. Die Datenlage zur wiederholten Verschiebung der Eröffnung und der immer weiter ausufernden Kosten, also dessen was der Untersuchungsausschuss eigentlich unter die Lupe nehmen soll, ist noch sehr gering. Vor allem hier ist das Crowdsourcing-Projekt darauf angewiesen, dass sich (ehemalige) Beteiligte rund um den Bau des Flughafens melden und Dokumente zur Verfügung stellen.

Twitter-Stimmen zu BERwatch
Stimmen im Netz zu BERwatch. Quelle: Twitter

Ob es nun – zugespitzt formuliert – zu einer Erfolgsstory wird oder zur Müllhalde für Kommentare verärgerter Bürger, das Projekt an sich besitzt Modellcharakter. Es ist ein Gewinn für die Gesellschaft und Anreiz für mehr Demokratie und Transparenz. Der Erfolg hängt letztlich von vielen Faktoren ab und davon, wie gut die Piraten es schaffen werden diesen speziellen Fall zu steuern. Ähnliche, wenn auch weniger komplexe Beispiele wie das GuttenPlag-Wiki zeigen, dass solche Projekte durchaus funktionieren können.

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