Mesut Özil und NGO-PR – Politisches zur Sommerpause

Das ist unser letzter DRILLLINK für dieses Semester. Wir freuen uns Euch noch einmal spannende Links und unsere Kommentare präsentieren zu dürfen – zum krönenden Abschluss sogar in Überlänge.

 

I. Mesut Özil: Reflektion und Selbstreflektion

Nach langem Schweigen hat sich Fußball-Nationalspieler Mesut Özil am Sonntag per Twitter zu Wort gemeldet und seinen Rücktritt verkündet. Mit einer dreiseitigen Mitteilung kommentierte er dabei das gesamte WM-Drama um seine Person – angefangen beim Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan vor der WM über die glücklosen Spiele der Nationalelf in Russland bis hin zu den anschließenden Medienanalysen. An vielseitiger Kritik sparte der Fußballprofi dabei nicht.

Das können wir natürlich nicht einfach unkommentiert lassen. Aber wir wollen nicht zu sehr auf die inhaltliche Ebene gehen. Die Verstrickungen zwischen festgefahrenen Strukturen, persönlichen Eitelkeiten, komisch anmutenden „Stellvertreterkriegen“, finanziellen Interessen und krasser Ausländerfeindlichkeit sind einfach zu dicht, um hier adäquate Einordnungen treffen zu können. Noch mehr interessiert uns aber natürlich, welche Kommunikationsprozesse bei der Verkündung des Rücktritts abliefen und als Folgeerscheinung noch immer ablaufen. Der Mediensoziologe und Sportjournalist Siegfried Weischenberg hat das für den Spiegel analysiert. Was können wir daraus für professionelle PR lernen?

Man kann zuerst einmal analysieren, was genau Herr Özil auf Twitter veröffentlicht hat. Und da muss man im Ergebnis anerkennen, dass sein Kommunikationsmanagement ganze Arbeit geleistet hat, wie auch Weischenberg feststellt. Indem sie das gesamte Potenzial der knapp 70 Millionen Follower auf Social Media ausnutzen und die Themen Integration und Ausländerfeindlichkeit an die Spitze der Agenda setzen, wurde aus einer problematischen Angelegenheit für den DFB ganz schnell eine emotionalet. Dies konnte man auch sehr gut in den Kommentarspalten auf sämtlichen Kanälen beobachten – die Emotionalität gab der Sache den benötigten, zusätzlichen Kick.

Aber man muss aufpassen: Zu einfach liest sich das Schreiben, zu kohärent aufeinander aufbauend ist die Verteidigung, die eher einem Angriff gleicht.. Das liegt daran, dass die Vorwürfe und ihre Begründung einfach sehr verkürzt sind. Dahinter könnte man auch eine populistische Methode vermuten. Im Detail wird eben gar nicht klar, warum genau Herrn Özil das alles (Kritik für das Erdogan-Bild, Widerruf einer Sozialpartnerschaft, Kündigung bestimmter Sponsoren-Verträge usw.) widerfahren sein soll. Aufgrund von Ausländerfeindlichkeit? Die Begründung könnte etwas knapp sein, bezichtigt er dieser doch eigentlich nur Einzelpersonen.

Weischenberg merkt zurecht an, dass die Massenmedien an der Aufdeckung solcher Details gar nicht mehr interessiert waren. Hart getroffen von der Medienschelte, die die PR-Verantwortlichen von Herrn Özil nebenbei noch in das Schreiben eingebaut hatten, zogen die Journalisten entweder die Köpfe ein oder gingen wie die BILD direkt zum Konter über. Dass sich nur einzelne Medien (wie z.B. die eben genannte BILD) überhaupt vom Vorwurf der tendenziösen Berichterstattung hätten treffen lassen müssen, fällt da ein bisschen unter den Tisch. Weischenberg hat Recht, wenn er sagt, dass die Berichterstattung zu Herrn Özil kritisch, aber dennoch überwiegend differenziert war.

Zum Schluss bleibt der DFB in Person des Präsidenten Reinhard Grindel. Hier gibt es nicht viel zu sagen, wurde doch nicht viel unternommen, um der Krise entgegen zu wirken. Von den Mitspieler von Herrn Özil hat man bis heute nichts gehört. Auch um Bundestrainer Löw ist es sehr still. Der Präsident ließ sich schließlich mehrere Tage später zu einem halbseidenen Statement herab. Naja, was Herr Özil über den DFB gesagt hat, geht dann wohl nicht sehr weit an der Realität vorbei – gleich ob das Schweigen in Wahrheit ein stilles Eingeständnis oder ein versuchtes Kleinhalten der Sache ist.

Was nehmen wir als Kommunikationsstudierende daraus mit? Social Media hat einmal wieder seine gesamte Macht bewiesen. Den traditionellen Medien hingegen fehlt augenscheinlich die Strategie, mit solchen Vorwürfen gegen sich umzugehen, was auch Weischenberg zum Schwerpunkt seiner Analyse macht. Auch wenn das Kommunikationsmanagement von Herrn Özil mit maximaler Aufmerksamkeit eine breite Basis pro Herrn Özil mobilisiert hat, ist die Frage, ob die beidseitige Stiftung maximaler Empörung der richtige Weg ist, um dieses Ziel zu erreichen. Ich für meinen Teil finde, man sollte die öffentliche Person Özil vom Profifußballer Özil trennen können. Nur so kann man nüchtern die Handlungen der beiden Personen (in der Öffentlichkeit und auf dem Feld) analysieren. Und genau so sollte sich Herr Özil einmal nüchtern selbstreflektieren. Aber für Nüchternheit sind die heutigen Zeiten offensichtlich nicht gemacht…

 

II. NGOs: Konfrontation als Strategie – wie sieht’s mit den Inhalten aus?

Es bleibt politisch. Volker Thoms hat für das PR-Journal einen brandneuen Artikel zu NGO-Kommunikation verfasst und stellt eine entscheidende Frage: Wenn Konfrontation die Strategie ist – bleibt dann überhaupt noch Platz für Inhalte?

Thoms stellt zuerst einmal fest, dass auch NGOs in den letzten Jahren an Vertrauen eingebüßt haben. Die Marktlage sei vor allem für solche NGOs problematisch, die sich mit den großen Problemen beschäftigen – Klimawandel, Artensterben und weltweiter Hunger. Diese Themen seien für Verbraucher mitunter zu „abstrakt“. An dieser Stelle kann man dem Autor eigentlich nur zustimmen: die inhaltlichen Auseinandersetzungen haben doch eigentlich immer erst dann Relevanz, wenn die Themen in der Lebensrealität der Menschen angekommen sind.

So ist das z.B. mit ungesunder Ernährung. Ein Thema, das die NGO Foodwatch aufgreift. Mithilfe von Events (Verleihung des „Goldene[n] Windbeutel[s]), aber auch von Publikationen („Coca-Cola-Report“) sollen Verbraucher auf Intransparenzen in der Zutatenliste und der Werbung hingewiesen werden. Möglichst konkret festmachen will Foodwatch seine Kampagnen an Marken und Produkten.

Die angegriffenen Unternehmen wehren sich dann meist mit dem Vorwurf, NGOs würden unwissenschaftlich arbeiten. Thoms kann diesen Vorwurf am „Coca-Cola-Report“ nicht bestätigen. Er vergleicht ihn mit einer Studie einer Unternehmensberatung – mit externen Experten und Quellenbelegen. Die Frage bleibt, ob das ausreicht, um glaubwürdige Inhalte zu vermitteln. Erfolg hat es offensichtlich: Bestimmte Medien beschäftigten sich explizit mit Themen wie der Zuckersteuer. Und manche Einzelhandelsketten reduzieren künftig den Zuckeranteil in ihren Eigenmarken. Laut Foodwatch sind genau solche konkreten Veränderungen das Ziel.

Zusammenfassend kann man sagen, dass NGOs sicherlich keine objektiven Player sind und man ihre Veröffentlichungen durchaus mit Skepsis betrachten sollte. Gleiches gilt aber nicht minder für Veröffentlichungen und Medienangebote von Unternehmen. Deshalb kann man eigentlich nur auf eine starke, unabhängige und öffentlich finanzierte Wissenschaft plädieren, die für ihre Forschung nicht auf Unternehmensgelder angewiesen ist. So können solche gesellschaftlich relevanten Themen wie die Ernährung im wissenschaftlichen Diskurs untersucht werden.

 

III. Sommer, Sonne, Sonnenschein: Wir verabschieden uns!

Nach einem kurzen und intensiven Semester mit 11x DRILLLINK verabschieden wir uns in die DRILLLINK-Sommerpause. Wir freuen uns darauf, die Redaktion der DRILLLINK‘s im nächsten Semester an die nächste #onkomm-Generation weitergeben zu können. Aber wer weiß – vielleicht haben die ja auch ganz andere Ideen?

In den nächsten Wochen wird es bei den PR-Fundsachen trotzdem noch Einiges zu lesen geben – wir haben viele interessante Artikel für Euch auf Lager. Stay tuned und genießt den Sommer! Bis bald!

 

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