Ein Aufpreis an der Zapfsäule, ein grünes Etikett, und alle sind zufrieden. Fast alle.

Du tankst, zahlst ein paar Cent mehr, und dein Auto fährt angeblich klimaneutral. Genau das hat Shell in Deutschland verkauft.1 Klingt gut, oder? Ist aber leider nicht so einfach. Wenn man dem Geld hinterhergeht, landet man nämlich nicht bei sauberem Sprit, sondern in einem Nationalpark in Peru, bei einem Fonds in Luxemburg und bei einer indigenen Gemeinschaft, die vor Gericht zieht. Dahinter steckt ein Markt, in dem es um Milliarden geht. Nur das Klima kommt dabei oft ziemlich kurz.
Wie das Ganze überhaupt läuft:
Wir sprechen über die Carbon Credits, auf Deutsch CO₂-Zertifikate. Im Grunde ein Stück Zertifikat, das sagt: Irgendwo auf der Welt wurde eine Tonne CO₂ eingespart. Wer so ein Zertifikat kauft, darf seinen eigenen Ausstoß damit quasi verrechnen. Auch Offsetting genannt. Am Ende steht dann auf dem Papier eine schöne Null.

Für die Ölkonzerne ist das natürlich ein Traum. Ein Liter Benzin macht rund 2,3 Kilo CO₂2, daran ändert so ein Zertifikat auch nichts. Das Öl wird trotzdem gefördert und das auto stößt trotzdem Emissionen aus.

Die meisten dieser Zertifikate kommen aus Waldschutzprojekten.3 Die Idee klingt erstmal super: Jemand schützt einen Wald, der sonst abgeholzt worden wäre. Der Haken steckt in der Rechnung dahinter. Wie viel Wald ohne das Projekt verschwunden wäre, schätzt der Betreiber nämlich selbst. Je schlimmer er die Lage malt, desto mehr Zertifikate kann er verkaufen. Heißt im Klartext: Wer übertreibt, verdient mehr. Der Anreiz zum Schummeln steckt also praktisch schon im Geschäftsmodell.
Wer da alles mitverdient:
Wie so eine Kette in echt aussieht, sieht man am besten am Cordillera-Azul-Nationalpark im peruanischen Amazonas. Eines der Projekte, mit denen Shell für sein klimaneutrales Tanken geworben hat.

Fangen wir vorne an, beim Wald und den Menschen, die dort leben. Der Park wurde 2001 einfach ausgewiesen, ohne die Kichwa und andere indigene Völker zu fragen, obwohl es eigentlich deren Land ist. Verwaltet wird das Ganze von einer peruanischen Organisation namens CIMA. Die hat 2008 einen Vertrag über 20 Jahre unterschrieben und das Waldprojekt bei Verra registriert, unter der Nummer VCS 985.45
Damit der Park läuft, braucht es Geld. Das kam 2014 aus Luxemburg, von einem Fonds namens Althelia Climate Fund: ein Kredit über 8,55 Millionen Euro, der ungefähr drei Viertel des Parkbetriebs gedeckt hat.6 Verkauft wurden die Zertifikate dann über eine Firma namens Ecosphere+, die wiederum seit 2017 größtenteils zu Mirova gehört, einer Tochter der französischen Bank Natixis.7 Ganz am Ende sitzt also ein Vermögensverwalter, der mit „Naturkapital“ Geld verdient.
Wer kauft das Zeug? Große Konzerne, quer durch alle Branchen, nur eine Gruppe hat davon rein gar nichts: die Leute, die in dem Wald leben oder nutzen.
Womit wird jetzt das Geld gemacht?
Eigentlich ganz simpel. Aus dem Cordillera-Azul-Projekt wurden über 30 Millionen Zertifikate verkauft. Umsatz: mehr als 80 Millionen Dollar.8 Pro Tonne waren das oft nur ein paar Euro, manche haben sogar nur etwas über einen Euro gezahlt. Was so eine Tonne CO₂ tatsächlich anrichtet, sieht das Umweltbundesamt dagegen ganz anders: rund 200 Euro Schaden pro Tonne.9 Da ist also eine riesige Lücke und genau diese ist das Geschäft. Du kaufst dich für ein paar Euro von etwas frei, das eigentlich ein Vielfaches kostet. Immer noch einfacher, als wirklich weniger auszustoßen.

Klein ist der Markt übrigens längst nicht mehr. 2021 wurden weltweit mit CO₂-Zertifikaten sage und schreibe 851 Milliarden Dollar umgesetzt.10 Der freiwillige Teil, in dem die Waldzertifikate stecken, ist davon nur ein kleiner Ausschnitt, wächst aber schnell. Kein Wunder also, dass da eine ganze Branche dranhängt: Klimadienstleister wie South Pole aus Zürich11, dazu Vermittler und Marktplätze. Mittlerweile mischen sogar Öl- und Rohstoffhändler mit. Also genau die Leute, die vom fossilen Geschäft leben.
Wenn Greenwashing zu echtem Betrug wird:
Wo mit so undurchsichtigen Papieren viel Geld gemacht wird, sind Betrüger nicht weit. In Großbritannien hat die Betrugsbehörde SFO Leute verurteilt, die mit CO₂-Zertifikaten getrickst haben.12 In Kanada flog ein klassisches Pump-and-Dump-System auf, und in China hat die Polizei eine Gruppe hochgenommen, die Waldzertifikate mit einer Kryptowährung kombiniert hatte.13 Das Problem ist am Ende immer dasselbe: Man sieht so einem Zertifikat einfach nicht an, ob dahinter jemals eine echte Tonne CO₂ gespart wurde.
Warum das dem Klima meistens nichts bringt:
Cordillera Azul ist übrigens kein Einzelfall. Anfang 2023 haben sich Die Zeit, der Guardian und die Plattform SourceMaterial die Waldprojekte von Verra vorgeknöpft, dem größten Anbieter überhaupt. Neun Monate Recherche und das Ergebnis war ziemlich ernüchternd: Bei den meisten geprüften Projekten waren die Zertifikate wohl wertlos, je nach Rechnung 90 bis 94 Prozent. Die Gefahr für den Wald war im Schnitt um etwa 400 Prozent zu hoch angesetzt.15 Verra hält die Studien für methodisch falsch und widerspricht.16
Beim Katingan-Projekt in Indonesien, das Shell auch genutzt hat, hat Greenpeace den Betreibern vorgeworfen, sich das Vergleichsszenario schönzurechnen. Die Gefahr, dass der Wald ohne das Projekt für Plantagen gerodet worden wäre, sei viel kleiner gewesen als behauptet.17 Die Betreiber sehen das anders, aber es ist halt immer dieselbe Masche: Man rechnet gegen ein erfundenes Szenario, das kaum einer nachprüfen kann.
Dann war da noch Kariba in Simbabwe, jahrelang das Vorzeigeprojekt vom Zürcher Anbieter South Pole. Am Ende musste die Firma einräumen, dass sie die Klimawirkung um die Hälfte überschätzt hatte. Sie stoppte den Verkauf und entließ später ein Fünftel der Belegschaft.18
Wer am Ende die Rechnung zahlt:

Am härtesten trifft es die, die nie gefragt wurden. 2020 ist die Kichwa-Gemeinde Puerto Franco mit ihrem Verband CEPKA vor Gericht gezogen, gegen den peruanischen Staat und die Parkverwaltung. Der Vorwurf: Man hat sie nie um Erlaubnis gebeten, und von den ganzen Millionen haben sie nichts gesehen. Eine Recherche der Agentur AP kam zu dem Schluss, dass es ziemlich sicher ihr angestammtes Land ist. Leute aus der Gemeinde haben von Vertreibungen erzählt, von Jagdverboten, manche sind sogar in echte Ernährungsarmut gerutscht.19
Im Dezember 2024 haben sie dann recht bekommen. Die Klage sei begründet, urteilte das Gericht: Das Land müsse den Kichwa zugeschrieben und die Gemeinde an Entscheidungen und Einnahmen beteiligt werden.20
Und was sagt Shell dazu?
Auf Nachfrage von AP meinte ein Sprecher, verantwortlich sei CIMA, nicht Shell. Die Kichwa hätten sehr wohl profitiert, über Programme für nachhaltige Lebensgrundlagen, und das Projekt sei ja unabhängig geprüft worden. Nur: Wie viele der 29 betroffenen Dörfer tatsächlich was davon hatten, das wollte Shell dann doch nicht sagen.21
Inzwischen gerät aber auch der Markt selbst unter Druck. Mitte 2023 hat Shell unter dem neuen Chef Wael Sawan sein eigenes Vorhaben wieder gekippt, jährlich bis zu 100 Millionen Dollar in Zertifikate zu stecken. Auch den Plan, bis 2030 dreistellige Millionenbeträge in Natur-Offsets zu pumpen, ließ der Konzern fallen.22 Schon 2021 hatte die niederländische Werbeaufsicht Shell eine „CO₂-neutral“-Kampagne verboten.23
Rechtlich wird die Luft für so etwas gerade auch dünner. Der Bundesgerichtshof hat im Juni 2024 zum Beispiel klargemacht: Wenn du mit „klimaneutral“ wirbst, musst du auch dazusagen, ob du das wirklich durch weniger Ausstoß schaffst oder eben nur durch so eine Kompensation. Machst du das nicht, ist die Werbung schlicht irreführend.24 Ab September 2026 zieht die EU noch mal richtig an: Dann sind pauschale „klimaneutral“-Versprechen, die nur auf gekauften Zertifikaten beruhen, einfach verboten. Wer sich nicht dran hält, zahlt bis zu vier Prozent vom Jahresumsatz. Kein Kleingeld.25
Fazit
Das Versprechen vom klimaneutralen Tanken war am Ende vor allem eins: ein gutes Geschäft. Gemacht in einem Wald, dessen Bewohner leer ausgegangen sind. Finanziert über einen Fonds in Luxemburg, verkauft über die Tochter einer Pariser Bank, und gekauft von Konzernen, denen ein paar Euro pro Tonne lieber waren als echte Veränderung. Zertifikate an sich sind nicht komplett sinnlos, aber als Kompensation, damit alles einfach so weitergeht, haben sie ausgedient. Bleibt eigentlich nur die Frage, was jetzt kommt: ein ehrlicherer Markt, oder einfach nur ein leiseres Greenwashing.

Quellen
- Shell Deutschland, CO₂-Ausgleich / klimaneutrales Tanken
- Spritmonitor, CO₂-Ausstoß je Liter Kraftstoff
- UNFCCC, Waldschutz und CO₂-Gutschriften (REDD+)
- Verra-Projektregister, Cordillera Azul (VCS 985)
- CIMA, Cordillera Azul REDD Project
- ReCommon, Banking on Forests (Althelia-Kredit)
- Mirova (Natixis), Natural Capital / Ecosphere+
- REDD-Monitor, >30 Mio. Zertifikate / >80 Mio. US-$
- Umweltbundesamt, Klimakosten je Tonne CO₂
- Reuters/Refinitiv, globaler CO₂-Markt 851 Mrd. US-$
- South Pole, Klimadienstleister / Über uns
- UK Insolvency Service (gov.uk), Haftstrafen im £36-Mio.-Carbon-Credit-Betrug
- REDD-Monitor, Festnahmen in China (Carbon/Krypto-Betrug)
- Vox, Krypto-Carbon-Credits (Flowcarbon)
- The Conversation, Verra-Recherche & Science-Studie
- Verra, Gegendarstellung zur Guardian-Recherche
- Greenpeace, Studie zum Katingan-Projekt
- REDD-Monitor, South Pole / Kariba-Projekt
- AP / The Hill, >80 Mio. US-$ und Ernährungsarmut der Kichwa
- Forest Peoples Programme, Gerichtsurteil 13.12.2024
- AP / Seattle Times, Stellungnahme von Shell
- REDD-Monitor / Bloomberg, Shell stoppt sein Offset-Programm (2023)
- Bloomberg, NL-Werbeaufsicht stoppt Shells „CO₂-neutral“-Kampagne
- Bundesgerichtshof, Urteil 27.06.2024, Az. I ZR 98/23
- Umweltbundesamt, EmpCo-Richtlinie / UWG ab 27.09.2026
