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Das Geschäft mit dem grünen Gewissen

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Wer hinter „klimaneutralem“ Sprit steckt und wie damit Geld verdient wird.

Dschungel werden ausgenutzt (Symbolbild) (Quelle: Pexels)

Ein paar Cent Aufschlag an der Zapfsäule, und schon fährt man angeblich „klimaneutral“. Shell hat dieses Versprechen in Deutschland tatsächlich verkauft. Doch wer der Sache nachgeht, landet nicht bei sauberem Sprit, sondern bei einem Nationalpark in Peru, einem Luxemburger Investmentfonds, einer indigenen Gemeinschaft vor Gericht, und bei einem Milliardenmarkt, an dem an jeder Ecke jemand verdient. Nur das Klima hat oft das Nachsehen.

Wie es funktioniert: der Trick mit der Kompensation

Im Zentrum steht ein handelbares Papier: der Carbon Credit, auf Deutsch CO₂-Zertifikat oder Emissionsgutschrift. Eine Gutschrift soll bescheinigen, dass irgendwo auf der Welt eine Tonne CO₂ eingespart oder gebunden wurde. Ein Unternehmen, das selbst CO₂ ausstößt, kauft solche Gutschriften und „gleicht“ seine Emissionen damit rechnerisch aus (englisch Offsetting). Auf dem Papier: netto null. 1 Tonne CO₂ ausgestoßen = 1 Zertifikat gekauft ? Die Idee der Kompensation: hier ausstoßen, dort „ausgleichen“. Ob die Tonne im Wald wirklich eingespart wird, kann am Endprodukt niemand erkennen.

Für die Ölbranche ist das ideal. Förderung, Transport und Verbrennung von Kraftstoff setzen enorme Mengen Treibhausgas frei: Ein einziger Liter Benzin verursacht rund 2,3 Kilogramm CO₂. Statt das Kerngeschäft umzubauen, lässt sich mit billigen Zertifikaten ein grünes Etikett aufkleben, ohne eine einzige Tonne Öl weniger zu verkaufen.

Hier entsteht das Versprechen: ein paar Cent mehr pro Liter, und der Tank gilt als „klimaneutral“.

Die häufigste Quelle dieser Gutschriften sind REDD+-Projekte (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Das Prinzip klingt sinnvoll: Ein Betreiber schützt einen Wald, der sonst abgeholzt würde. Der Haken steckt in der Berechnung. Der Betreiber schätzt selbst, wie viel Wald ohne das Projekt verschwunden wäre, das sogenannte Referenz- oder Baseline-Szenario. Diese Differenz, die „vermiedene Abholzung“, wird in CO₂ umgerechnet und verkauft. Je dramatischer die behauptete Bedrohung, desto mehr Zertifikate entstehen. Wer also hoch schätzt, verdient mehr. Genau hier liegt das Einfallstor für Greenwashing.

Die Firmen dahinter: eine Kette, an der jeder verdient

Wie das in der Praxis abläuft, zeigt eines der wichtigsten Projekte, über das Shell sein „klimaneutrales“ Tanken bewarb: der Cordillera-Azul-Nationalpark im peruanischen Amazonas. Verfolgt man den Weg eines Zertifikats von dort bis an eine deutsche Tankstelle, läuft man eine ganze Firmenkette ab und sieht, an welcher Station Geld hängen bleibt. Die Kette hinter „klimaneutralem“ Sprit Das Geld fließt nach oben, die Zertifikate nach unten.

1. Der Park und die Menschen. Der Nationalpark wurde 2001 ausgewiesen, ohne Zustimmung der dort lebenden Kichwa und anderer indigener Völker. Viele verloren den Zugang zu Wäldern, die sie seit Generationen nutzten. Sie verdienen an dem Geschäft: nichts.

2. Der Projektbetreiber: CIMA. Die peruanische Non-Profit-Organisation Centro de Conservación, Investigación y Manejo de Áreas Naturales (CIMA) unterzeichnete 2008 einen 20-Jahres-Vertrag zur Verwaltung des Parks und legte das Cordillera-Azul-REDD-Projekt auf, registriert beim Zertifizierer Verra unter VCS 985. CIMA stellt auch die Parkranger und verkauft die Zertifikate.

3. Der Geldgeber: Althelia Climate Fund. 2014 gewährte der in Luxemburg registrierte Impact-Fonds Althelia (Volumen rund 100 Millionen Euro) CIMA einen Kredit über 8,55 Millionen Euro, der rund 75 Prozent des Parkbetriebs finanzierte. Der Fonds verdient an der Rückzahlung, gespeist aus den Zertifikatverkäufen.

4. Der Verkäufer: Ecosphere+. Die Vermarktung an Unternehmen übernahm Ecosphere+, eine Firma der Althelia-Gruppe. Sie beschaffte die Gutschriften und verkaufte sie an Konzerne weiter, die Schnittstelle zwischen Regenwald und Konzernbilanz.

5. Der Konzern dahinter: Mirova / Natixis. 2017 übernahm Mirova, eine Tochter des französischen Vermögensverwalters Natixis, die Mehrheit an Althelia Ecosphere; Ecosphere+ firmierte später als Mirova Natural Capital. Hinter dem grünen Waldschutzprojekt steht damit am Ende ein milliardenschwerer Finanzkonzern, der „Naturkapital“ als Anlageklasse mit Rendite betreibt.

6. Die Käufer. Zu den Abnehmern zählten laut Recherchen die Ölkonzerne Shell, TotalEnergies, Repsol, CEPSA und Enagás, die Fluglinien British Airways, Etihad und Delta, der Logistiker Kuehne + Nagel und die Eismarke Ben & Jerry’s, sogar Perus eigenes Umweltministerium kaufte Gutschriften aus dem Park. Allein Shell soll nach Angaben der Kichwa-Organisationen einen zweistelligen Millionenbestand an Zertifikaten erworben haben.

Das ist das Geschäftsmodell in Reinform: An jeder Station wird verdient, beim Betreiber, beim Fonds, beim Vermarkter, beim Vermögensverwalter und schließlich beim Konzern. Ob am Ende real CO₂ gebunden wird, ist für die Marge zweitrangig. Verdient wird am Beschaffen, Zertifizieren und Weiterverkaufen.

Womit das Geld verdient wird: billig kaufen, teuer aussehen

Die eigentliche Rechnung dahinter ist simpel und brutal. Aus dem Cordillera-Azul-Projekt wurden insgesamt mehr als 30 Millionen Zertifikate verkauft, für über 80 Millionen US-Dollar. Pro Tonne also nur wenige Dollar; einzelne Käufer bezahlten teils gut einen Euro je Gutschrift. Zertifikatpreis wenige € / Tonne Realer Klimaschaden ≈ 200 € / Tonne laut Umwelt- bundesamt Die Lücke ist das Geschäft: Für wenige Euro lässt sich eine Tonne „ausgleichen“, deren tatsächlicher Schaden das Umweltbundesamt auf rund 200 Euro beziffert.

Dem steht der reale Schaden gegenüber: Das Umweltbundesamt beziffert die gesellschaftlichen Klimaschäden einer Tonne CO₂ auf rund 200 Euro. Ein Konzern kann sich also für wenige Euro von einer Tonne „freikaufen“, deren tatsächlicher Schaden ein Vielfaches beträgt. Diese Lücke zwischen Preis und Schaden ist das Geschäft, und der Grund, warum Kompensation für die Branche so attraktiv ist: Sie ist um ein Vielfaches billiger, als die eigenen Emissionen wirklich zu senken.

Und es ist ein riesiger Markt. Der globale CO₂-Markt erreichte 2021 mit rund 851 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert. Der freiwillige Offset-Markt, in dem die Waldschutz-Gutschriften gehandelt werden, ist davon nur ein kleiner, aber rasant wachsender Teil. Entsprechend hat sich eine ganze Dienstleisterbranche gebildet: Zwischenhändler und „Klimadienstleister“ wie der Zürcher Anbieter South Pole, dazu Marktplätze und Vermittler wie Terrapass, ClimateNeutral Group oder das Gold-Standard-Register. Sie alle leben davon, Gutschriften zu vermitteln. Zunehmend drängen sogar große Rohstoff- und Erdölhändler in das Geschäft, jene Akteure also, die mit fossilen Brennstoffen ihr Geld verdienen.

Wenn aus Greenwashing offener Betrug wird

Wo viel Geld mit schwer überprüfbaren Papieren fließt, sind Betrüger nicht weit. Strafverfolger in mehreren Ländern haben in den vergangenen Jahren Fälle rund um CO₂-Zertifikate verfolgt: In Großbritannien führte ein Verfahren der Betrugsbehörde Serious Fraud Office zu Verurteilungen, in Kanada deckte die Wertpapieraufsicht ein betrügerisches „Pump-and-Dump“-Schema auf, und in China nahm die Polizei mehrere Verdächtige in einem Betrugsfall um Wald-Carbon-Credits und Kryptowährung fest. Selbst die Tokenisierung von Gutschriften per Blockchain, etwa durch prominente Krypto-Start-ups, hat den Markt eher unübersichtlicher als transparenter gemacht. Das Grundproblem bleibt überall dasselbe: Niemand kann am Endprodukt erkennen, ob hinter einem Zertifikat eine echte Tonne eingespartes CO₂ steckt.

Warum es fürs Klima meist nicht funktioniert

Cordillera Azul ist kein Einzelfall, sondern Muster. Anfang 2023 untersuchten Die Zeit, The Guardian und die Plattform SourceMaterial neun Monate lang Regenwaldprojekte von Verra, jenem Zertifizierer, dessen Standard rund drei von vier Projekten auf dem freiwilligen Markt trägt. Das Ergebnis: Bei einem Großteil handelte es sich wahrscheinlich um „Phantomgutschriften“; je nach Auswertung waren rund 90 bis 94 Prozent praktisch wertlos fürs Klima. Die Bedrohung der Wälder war im Schnitt um etwa 400 Prozent überschätzt worden, in Einzelfällen um bis zu 950 Prozent. Verra wies die Vorwürfe als methodisch falsch zurück.

Beim indonesischen Katingan-Moorwaldprojekt, ebenfalls von Shell genutzt, warf Greenpeace den Betreibern vor, das Baseline-Szenario auf wackligen Annahmen aufzubauen: Mehrere Referenzgebiete lägen Hunderte Kilometer entfernt auf Sumatra, und die behauptete Plantagengefahr sei fragwürdig, da ein indonesisches Moratorium die Flächen längst schütze. Die Betreiber widersprachen, doch der Streit zeigt dasselbe Grundproblem: Das fiktive Vergleichsszenario lässt sich kaum überprüfen und im Zweifel großzügig zugunsten von mehr Zertifikaten auslegen.

Parallel zerbrach das Vorzeigeprojekt Kariba in Simbabwe, vermarktet von South Pole. Das Unternehmen räumte ein, die Klimawirkung um rund 50 Prozent überschätzt zu haben, stoppte den Verkauf und entließ später rund ein Fünftel seiner Belegschaft.

Hinzu kommt eine bittere Pointe: Während Konzerne wie Shell sich grün anstreichen, dokumentieren Berichte von Umweltjuristen, dass derselbe Konzern über Jahre hinweg den Klimaschutz auch politisch ausbremste. Das „klimaneutrale“ Etikett und das fossile Kerngeschäft existierten Seite an Seite.

Wer den Preis zahlt und was sich jetzt ändert

Während die Firmenkette verdiente, wuchs der öffentliche Druck, und die Kichwa-Gemeinde Puerto Franco bekam 2024 vor Gericht recht. (Quelle: Pexels)

Während die Firmenkette verdiente, zogen die Kichwa vor Gericht. Die Gemeinde Puerto Franco und ihr Verband CEPKA klagten 2020 gegen den peruanischen Staat und die Parkverwaltung: Man sei nie um Zustimmung gefragt worden und habe von den Millioneneinnahmen nichts gesehen. Eine AP-Recherche kam zu dem Schluss, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um angestammtes Land handelt; Bewohner berichteten von Vertreibungen und strengen Jagdverboten, Teile der Gemeinde rutschten in Ernährungsarmut. Im Dezember 2024 erklärte das zuständige Gericht die Klage für begründet und entschied zugunsten der Kichwa, unter anderem mit der Anordnung, ihr Territorium zu titulieren und sie an Entscheidungen und Erlösen zu beteiligen. Shell verwies darauf, die Verantwortung liege bei CIMA, und das Projekt sei unabhängig geprüft worden.

Auch der Markt selbst gerät unter Druck. Mitte 2023 strich Shell unter dem neuen CEO Wael Sawan sein groß angekündigtes Programm, jährlich bis zu 100 Millionen Dollar in ein Carbon-Credit-Portfolio zu stecken, und gab den Plan auf, bis 2030 jährlich bis zu 120 Millionen Dollar für Natur-Offsets auszugeben. Schon zuvor hatte die niederländische Werbeaufsicht Shell aufgefordert, eine „CO₂-neutral“-Kampagne zu stoppen.

Rechtlich schließt sich das Schlupfloch ohnehin. Der Bundesgerichtshof entschied im Juni 2024 (Az. I ZR 98/23), dass eine „klimaneutral“-Werbung irreführend ist, wenn nicht offengelegt wird, ob die Neutralität durch echte Einsparung oder bloße Kompensation erreicht wird. Und ab dem 27. September 2026 verbietet die in deutsches Recht (UWG) übernommene EU-EmpCo-Richtlinie pauschale Umweltaussagen sowie produktbezogene „klimaneutral“-Claims, die allein auf Kompensation beruhen, bei Bußgeldern von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes.

Fazit

Das Versprechen vom klimaneutralen Tanken war über weite Strecken ein Geschäftsmodell, kein Klimaschutz: erzeugt in einem Nationalpark, dessen rechtmäßige Bewohner leer ausgingen, finanziert über einen Luxemburger Fonds, vermarktet von der Tochter eines Pariser Vermögensverwalters und gekauft von Konzernen, die lieber wenige Euro pro Tonne zahlten, als ihr fossiles Kerngeschäft anzutasten. Carbon Credits sind als Werkzeug nicht grundsätzlich wertlos, aber als Feigenblatt haben sie ausgedient. Die spannende Frage ist, ob aus der Krise ein ehrlicherer Markt entsteht oder nur ein leiseres Greenwashing.

Echter Klimaschutz beginnt dort, wo Emissionen wirklich sinken, nicht dort, wo sie sich nur wegrechnen lassen.

Quellen & weiterführende Recherche

  • YouTube-Video (Ausgangsquelle der Recherche)
  • Forest Peoples Programme: Klage & Stellungnahmen der Kichwa-Gemeinde Puerto Franco / CEPKA; „Shell buys 14 mil credits“ (Kichwa Statement PNCAZ, Juni 2022)
  • Associated Press / Seattle Times: „In Peru, Kichwa tribe wants compensation for carbon credits“ (2022); REDD-Monitor zur Eigentümerstruktur Althelia / Ecosphere+ / Mirova
  • Verra-Projektregister (Cordillera Azul, VCS 985); Mirova/Natixis-Pressemitteilungen (2017)
  • Die Zeit / The Guardian / SourceMaterial: Verra-Recherche (Januar 2023) inkl. Verras Gegendarstellungen
  • Greenpeace: Studie zum Katingan-Projekt; Permian-Global-Gegendarstellung · Tages-Anzeiger, NZZ, Follow the Money: South Pole / Kariba
  • Reuters/Refinitiv: globaler CO₂-Markt mit Rekordwert von ~851 Mrd. US-$ (2021) · Betrugsfälle: SFO (UK), City of London Police, Alberta Securities Commission, Polizei China
  • Umweltbundesamt (Klimakosten je Tonne CO₂); Spritmonitor (CO₂ je Liter) · Bloomberg: NL-Werbeaufsicht zu Shells „CO₂-neutral“-Kampagne (2021); CIEL „A Crack in the Shell“ (2018)
  • Bundesgerichtshof, Urteil vom 27.06.2024, Az. I ZR 98/23; EU-EmpCo-Richtlinie / UWG (gültig ab 27.09.2026)

Hinweis: Konkrete Zahlen (v. a. die Shell zugeschriebene Zertifikatsmenge) und Namen vor Veröffentlichung an den Originalquellen gegenprüfen. Bei Aussagen über einzelne Unternehmen gehört die jeweilige Gegendarstellung der Fairness halber dazu.

Alle Illustrationen in diesem Beitrag sind eigene Darstellungen und frei verwendbar.

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