Gendern: Das Sprachphänomen mit dem wahrscheinlich größten gesellschaftlichen Konfliktpotenzial. Denn wer hat die Aussagen „darf man überhaupt noch irgendwas sagen“ oder „das ist doch total linksversifft“ in diesem Zusammenhang noch nicht gehört? Nicht wenige Menschen fühlen sich in der heutigen Zeit sprachlich zunehmend eingeschränkt.
Vorrangig in der PR scheint Gendern allerdings ein gebräuchliches Vorkommnis zu sein. Zahlen und Studien veranschaulichen: PR-Akteure verwenden Gendersprache mehrheitlich durchgängig oder teilweise. Konsumenten hingegen ist das Gendern gleichgültig oder sie stehen diesem sogar ablehnend gegenüber.
Die Kluft zwischen der Gendersprachen-Nutzung in der Öffentlichkeitsarbeit und dem Empfinden der Bevölkerung wird deutlich. Aber auch ich stehe nicht außerhalb dieses Konflikts: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.
Unter „Gendern“ versteht man die Anwendung geschlechtergerechter Sprache. Alle vorhandenen Geschlechter sollen sprachlich gleichermaßen abgebildet werden. Die mehrgeschlechtliche Schreibung umfasst über das männliche sowie weibliche Geschlecht hinaus auch alle weiteren Geschlechtsidentitäten. Weitere Informationen sind hier zu finden.
Gendern – zu woke für die Mehrheit der Allgemeinbevölkerung
Gendern wird von der Mehrheitsgesellschaft als wenig relevant eingestuft. Laut einer Studie, welche vom Unternehmen Babbel in Auftrag gegeben wurde, stellte das Meinungsforschungsinstitut YouGov heraus, dass die Mehrheit der Befragten das Gendern sogar ablehnen:

Erläuterung der Darstellung: Die Daten der Darstellung stammen aus einer online-durchgeführten repräsentativen Erhebung aus September 2025. Die hier verwendeten Informationen wurden über merkur.de abgerufen. Die befragten Deutschen, welche zum Zeitpunkt der Umfrage über 18 Jahre alt waren, wurden gefragt: „Gendern: Ja oder Nein?“. Die Gesamtheit aller Befragten belief sich auf 1.009 Personen. Es waren keine Mehrfachnennungen zulässig. Gewichtet wurden die Ergebnisse nach „Alter“, „Geschlecht“ sowie „Region“. Die hier dargelegte Abbildung wurde stark vereinfacht. Zudem wurden Informationen weggelassen, die für den Kontext des Beitrags als unwesentlich erschienen. Die Darstellung am Bildrand wurde mit Canva.com erstellt.
Diese ablehnende Haltung gegenüber Binnen-I, Doppelpunkt und Sternchen wird mit konkreten Aussagen einer Studie des MDR (mit knapp 26.000 Befragten aus den neuen Bundesländern Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt) untermauert: Es gebe in der heutigen Zeit Wichtigeres, als sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
Gendern als fester Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit
Auf Grundlage der dargestellten Ergebnisse scheinen Akteure der PR die ablehnende Haltung der deutschen Gesellschaft nicht vollumfänglich im Blick zu behalten: Etwa 261 von 327 – rund vier von fünf – PR-Fach- und Führungskräften haben in der PR-Trendmonitor-Befragung geäußert, dass sie in der internen und externen Kommunikation „durchgängig“ oder „teilweise“ Gendersprache einsetzen. Gründe für die Verwendung von Gendersprache im Unternehmen lassen sich aus der folgenden Darstellung ableiten.

Erläuterung der Darstellung: Die Quelle der Daten stammt vom PR-Trendmonitor von news aktuell und PER. Es handelt sich um eine online stattgefundene Befragung von 327 Profis im Themengebiet „Kommunikation“, die in Unternehmen, Organisationen oder PR-Agenturen an den Standorten Deutschland sowie der Schweiz tätig sind. Die Erhebung fand im Februar 2024 statt. Die konkrete Frage der dargestellten Ergebnisse lautete: „Warum wird in Ihrem Unternehmen Gendersprache bzw. gendersensible Sprache eingesetzt?“ Eine Mehrfachauswahl war möglich. Weitere Ergebnisse der Befragung sind hier zu finden. Die Zahlen werden in Prozent dargelegt.
Dass Gendern von Kommunikationsprofis umgesetzt wird, ist also weniger darauf zurückzuführen, dass es „Kundinnen und Kunden erwarten“ (23 %) als vielmehr, dass die eigenen Unternehmenswerte (46 %), ihre persönlichen Überzeugungen (35 %) sowie das Unternehmens- Image (33 %) im Vordergrund stehen. PR-Akteure agieren aus dem Grund, dass sie diverse Zielgruppen ansprechen (43 %). Doch diese lehnt – so zeigt es die bereits dargestellte Studie – Gendern eher ab. Dennoch gehen 35 % der PR-Fachleute davon aus, dass Gendern gesellschaftlich erwartet wird. Inwieweit orientiert sich die PR also an ihren Zielgruppen?
Kann der Konflikt der Gendersprache beigelegt werden?
Betrachtet man das Thema in gänzlicher Breite, wird klar: Gendern ist ein komplexes Thema. Doch auch in meiner Unentschlossenheit sehe ich keine Perspektive für eine eindeutige Ja-oder-Nein-Entscheidung. Meiner Ansicht nach sollte die Kontextabwägung im Mittelpunkt der Entscheidung für oder gegen die Verwendung von Gendersprache stehen. Nicht nur, dass die Mehrheit das Gendern ablehnt, es wird unter anderem über Verkomplizierung und Unverständlichkeit der Sprache sowie über die Überbetonung des Geschlechts diskutiert. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg beschreibt Gendern als „ein akademisches Elitenprojekt“.
Auf der anderen Seite treibt Gendern die Gleichbehandlung aller Geschlechter voran. Sprache befindet sich schon seit jeher im Wandel. Und da Menschen bekanntlich Gewohnheitstiere sind, fallen auch sprachliche Umstellungen häufig schwer.
Doch was nun? Ich plädiere für eine kontextbezogene Anwendung von Gendersprache: Ist es hilfreich, im gegebenen Kontext mit Binnen-I und Co. zu arbeiten oder lenkt die Form vom Inhalt ab? Stellenausschreibungen sind gewissermaßen prädestiniert, um gendergerechte Sprache anzuwenden. Wenn der Kontext oder die Zielgruppe die Verwendung nicht zulässt oder dann, wenn kein direkter Schwerpunkt auf dem Geschlecht liegt (z. B. bei Gesetzestexten), würde ich zur Verwendung neutraler Formen raten. Umzusetzen sind diese Formen mittels substantivierter Partizipien oder Umschreibungen.
Für mein Empfinden ist es problematisch, Gendern vollends abzulehnen oder es verpflichtend vorzuschreiben. Ich denke, diesen Gedanken bewerten die 63 % der 1.009 Befragten, die sich laut YouGov „mehr Gelassenheit beim Umgang mit der Sprache“ wünschen, ähnlich. Schließlich will auch die PR nicht den Anschluss an die Masse verlieren, oder? Im gleichen Atemzug ist die folgende Aussage des Deutschlandfunks zu beachten: „Sprache schafft Wirklichkeit“. Mit jeder Aussage werden unweigerlich gedankliche Assoziationen ausgelöst. Wenn sich fortdauernd gegen die sprachliche Inklusion entschieden wird, verlieren alle Personen, die nicht direkt angesprochen werden, an Bedeutsamkeit.
Der Beitrag zeigt vor allem eins: Gendern ist längst kein Trendthema, sondern ein gesamtgesellschaftlicher, gar politischer Diskurs. Und wie bei politischen Diskursen üblich, muss im Endeffekt dann doch jeder (jede*r?) für sich selbst entscheiden, welche Stellung man einnehmen möchte.
Verwendete Quellen (Datenbasis, Argumente, Informationen)
Deutscher Bildungsserver. (n.d.). 19. Shell Jugendstudie 2024: Grafiken, Zusammenfassungen und Ergebnisse. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=16289
Grellmann, S. (2025). Gendern in der deutschen Sprache? So sehen das junge Menschen. Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/558499/gendern-in-der-deutschen-sprache-so-sehen-das-junge-menschen/
Klatt, R. (2025). Wie denken die Deutschen über das Gendern?. Forschung und Wissen. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/psychologie/wie-denken-die-deutschen-ueber-das-gendern-133710651
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. (n.d.). Gendern: Ein Pro und Contra. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.lpb-bw.de/gendern
MDR. (2021). MDRfragt: Deutliche Mehrheit lehnt Gendersprache ab. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/mdrfragt-umfrage-ergebnis-deutliche-ablehnung-von-gendersprache-100.html
Presseportal. (2024). Gendersprache in der professionellen Kommunikation: PR-Trendmonitor zeigt ein uneinheitliches Bild. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.presseportal.de/pm/6344/5861969
Quarks. (2023). Was Gendern bringt – und was nicht. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/was-gendern-bringt-und-was-nicht
Schmid, A. (2025). Exklusive Studie zeigt klares Ergebnis: So denken die Deutschen wirklich übers Gendern. Merkur.de. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.merkur.de/politik/wirklich-uebers-gendern-exklusive-studie-zeigt-klares-ergebnis-so-denken-die-deutschen-93989355.html
Smiljanic, M. (2021). Was sich aus früheren Sprachdebatten lernen lässt. Deutschlandfunk. Abgerufen am 11.02.2026, von https://www.deutschlandfunk.de/streit-ums-gendern-was-sich-aus-frueheren-sprachdebatten-100.html
Das Titelbild wurde mittels Canva.com erstellt.

