Das Internet ist böse! – Öhm, ja…

Eigentlich sollte dies eine sachliche, kritische Rezension zur gestern Abend ausgestrahlten Talkrunde von Maybrit Illner werden. Die Gästeliste in Kombination mit dem Thema gab schließlich einiges her: Kay Overbeck, Unternehmenssprecher von Google und u.a. zuständig für Deutschland, war da, FAZ-Herausgeber Frank „Payback“ Schirrmacher ebenso, dazu die Verbraucherschutzministerin Ilse „sonst sehe ich mich gezwungen meine Mitgliedschaft zu beenden“ Aigner, der ehemalige Sevenload-Gründer und Webkenner Ibrahim Evsan, Constanze Kurz, Sprecherin des ChaosComputerClub und an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, und … naja, Andrea Kiewel eben in der Rolle der besorgten Mutter. Warum auch immer. Das Alles unter dem (sehr plakativen) Stempel „Die Gefahr aus dem Internet“.

Und so schaltete ich ein und dachte mir im Stillen „mal sehen, wie es wird“, um es im Nachhinein aus einem mit Hand und Fuß versehenen PR-Blickwinkel analysieren zu können. Es wurde nix. Sorry, aber was blieb als Kernaussage beim eventuell nicht sehr webmündigen Zuschauer hängen? Das Internet ist böse!? Und Kegeln am PC ist gleich ballern!? Eine „Diskussion“ wie diese hilft niemandem wirklich weiter. Und so sehe ich mich auch nicht wirklich in der Lage eine sachliche PR-Kritik schreiben zu können, sondern eher eine Zusammenfassung des Ganzen für alle, die sich die Sendung noch nicht angesehen haben.

Maybrit Illner will über die Risiken des Internets sprechen: „Ausgespäht und abgezockt – Wie gefährlich ist das Internet?„. Los ging es mit einem Einspieler über Computer- und Videospielkurse für Senioren, die so endlich eine Ahnung davon bekommen können und wollen was ihre Enkel mit der Technik so anstellen. Aus den unter anderem virtuell kegelnden Rentnern machte Illner nonchalant einfach mal „ballernde Senioren“. Das gehört zwar nicht direkt zum Thema, zeigt aber, wie aufgeladen jegliche Debatte um Computer ist. Die Milchmädchenrechnung: Virtuelles Kegeln = Killerspiel. Bestimmt. Vielleicht hätte man an dieser Stelle schon wegzappen sollen…

Kommen wir zum Beginn der Diskussion: Frank Schirrmacher und Ilse Aigner wiederholen gebetsmühlenartig ihre „Argumente“: Die Menschen geben zu viel von sich preis, beispielsweise bei Facebook. Sie wüssten nicht, dass „jede Suchanfrage für Google auch eine Antwort“ ist, so Schirrmacher. Er fürchtet die Mathematik, die sich hinter den Interfaces versteckt, bzw. dass Menschen und ihr Verhalten berechenbar werden. Heute würden ihnen in Online-Shops personalisiert Bücher angeboten, die andere ebenfalls für passend zum Thema einstuften, morgen Menschen.

Aigner sitzt im selben Zug, schimpft auf die „Supermächte“, die Daten anhäufen und wer-weiß-was mit ihnen anstellen. Die Menschen im Netz seien sich ihrer Spuren nicht bewusst, das müsse sich ändern. Wer hier einen Aufruf zu Eigenverantwortung zu erkennen glaubt, wird enttäuscht: Das war es schon.

Constanze Kurz greift diesen Aspekt jedoch auf und geht auf die Wahlmöglichkeiten der Nutzer ein. Auch Kay Overbeck nennt schätzungsweise mehr Konkurrenzsuchmaschinen beim Namen als Schirrmacher und Aigner zusammen. Kurz verweist auch darauf, dass ein Verbraucherschutzministerium nicht nur von den Firmen fordern sollte, dass sie aufpassen, sondern auch konkrete Ideen einbringen. Leider scheint Aigner keine davon dabei zu haben. Vielleicht ergibt sich ja beim Gespräch mit Mark Zuckerberg mehr. Schließlich findet sie dessen Mail als Antwort auf ihren offenen Brief als „okay“ empfinde, da man die weitere Diskussion schließlich bilateral führen wolle.

Wirklich Eindruck hinterlassen nur Kurz und Ibo Evsan, der im Publikum sitzt und kurz zu Wort kommt. Er geht als einziger darauf ein, dass viele Inhalte freiwillig ins Netz gestellt werden, um sie mit Freunden zu teilen und dass das Netz ein – und er nennt es ganz bewusst so – „schönes Spielzeug“ ist. Den kleinen Seitenhieb, dass die Regierung es nach dem Platzen der ersten DotCom-Blase versäumt habe, die eigenen Spezialisten im Land zu halten, statt sie in die USA und Co. auswandern und dort mit ihrem Fachwissen zum Kompetenzvorsprung beitragen zu lassen, kann er sich jedoch nicht verkneifen. Auch Overbeck macht ohne große Schwierigkeiten eine bessere Figur als Aigner und Schirrmacher. Google sammelt Daten in Unmengen, aber Overbeck nennt wenigstens konkrete Maßnahmen, die es bei Google gibt. Diese sind vielleicht kein Königsweg, vom allgemeingültigen Geschwafel hebt er sich dennoch ab.

Ich will Google per se nicht in den Himmel loben. Datenschutz ist wichtig und ich möchte auch nicht wirklich von Streetview gefilmt werden. Aber wenn ein Thema auf einer so unsachlichen Basis abgehandelt wird, kann ich nur den Kopf schütteln. Die ganze Debatte gestern Abend scheiterte an den selben Problemen wie jene zum Thema Gentechnik: Viele Ängste, wenig Argumente, jeder hat eine Meinung, aber kaum jemand Ahnung und dann soll diese ganze Vielfalt in 60 Minuten Sendezeit gepresst werden. Dass das nicht funktionieren kann, war vielen, die die Sendung via Twitter live mitkommentiert haben (und auch jetzt noch darüber diskutieren), schon vorher klar, nur den Machern von „Maybrit Illner“ nicht.

Ein buntes Sammelsorium an mehr oder minder sachlicheren Kritiken findet sich schließlich hier:
FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner – Googles Prophezeiungen
TV-Diskussion: Wenn Maybrit Illner über das gefährliche Internet talkt
TV-Kritik: Maybrit Illner – „Ausgegoogelt – Kassandra traf auf Knallbonbon“
Maybritt Illner: Problemfall Internet
Blogpost von Happy Schnitzel (die noch vor der Sendung eine treffende Analyse hinlegte)

PS: Was man über sich preisgibt und was die „Monopolisten“ machen, wenn man ein Fan von Maybrit Illner auf Facebook wird, wurde nicht diskutiert. Schade eigentlich. Ach ja, und wenn ich mal alt bin, werde ich ein „Silver Server“ 😉

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