Wer morgens zur Tankstelle fährt und abends nochmal vorbeischaut, erlebt oft eine unangenehme Überraschung. Der Preis hat sich verändert, manchmal um mehr als 20 Cent pro Liter. Das ist kein Zufall, kein Fehler, sondern System. Und das Bundeskartellamt weiß das ganz genau.

Ein Amt, das alles sieht
Seit 2013 betreibt das Bundeskartellamt die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K). Jede Preisänderung an jeder der rund 15.000 öffentlichen Tankstellen in Deutschland muss in Echtzeit gemeldet werden. Die Daten werden an zugelassene Verbraucherinformationsdienste weitergegeben, damit Autofahrerinnen und Autofahrer per App den günstigsten Preis in ihrer Nähe finden können. Klingt gut, bis zu einem Punkt. Denn Beobachten und Eingreifen sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Der Krieg, die Preise und die Entkopplung
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 stiegen die Kraftstoffpreise in Deutschland drastisch an. Doch als die Rohölpreise wieder sanken, folgten die Tankstellenpreise nicht im gleichen Maße. Das Bundeskartellamt hielt in seinem Zwischenbericht zur Sektoruntersuchung Raffinerien fest, dass eine „nachhaltige Entkopplung der Tankstellenpreise von der Entwicklung des Rohölpreises“ stattgefunden habe, beim Diesel besonders stark. Die Konzerne gaben sinkende Einkaufspreise schlicht nicht an die Verbraucher weiter. Und das Kartellamt? Konnte es dokumentieren und dabei bleiben.
Die gebundenen Hände
Das Kernproblem liegt im deutschen Kartellrecht. Um einzugreifen, musste das Amt entweder konkrete Absprachen zwischen Unternehmen nachweisen oder einen offensichtlichen Marktmachtmissbrauch belegen. Strukturelle Probleme, ein Markt der einfach schlecht funktioniert ohne dass jemand explizit gegen Regeln verstößt, lagen außerhalb der Eingriffsmöglichkeiten. Der Markt konnte dysfunktional sein, solange er nicht illegal war.
Das tägliche Preisroulette
Bis zu 22 Mal täglich änderten sich die Preise an manchen Tankstellen. Verbraucherinnen und Verbraucher, die morgens per App einen günstigen Preis nachschlagen, fanden ihn bei Ankunft oft bereits nicht mehr vor. Genau das schilderten Betroffene in Beschwerden an die Markttransparenzstelle und das Kartellamt dokumentierte es, ohne eingreifen zu können.
Seit dem 1. April 2026 gilt nun eine neue Regel. Tankstellen dürfen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen, genau um 12:00 Uhr mittags. Preissenkungen hingegen sind weiterhin jederzeit möglich. Doch auch diese Regelung offenbart neue Probleme. Laut einer Auswertung des Verbraucherdienstes „Mehr-Tanken“ haben fast 3.000 von 15.240 Tankstellen bis Mitte Mai die Regel bereits rund 17.000 Mal gebrochen, das entspricht knapp jeder fünften Tankstelle. Und selbst wo die Regel eingehalten wird, profitieren vor allem die Konzerne. Wirtschaftsforschungsinstitute errechneten, dass Mineralölkonzerne bei Super durch die neue Regelung durchschnittlich 6 Cent pro Liter mehr verdienen.
Ein Markt ohne echten Wettbewerb
Hinter all dem steckt eine strukturelle Schwäche. Der deutsche Tankstellenmarkt ist stark konzentriert. Wenige große Konzerne, allen voran Aral, Shell und TotalEnergies, dominieren weite Teile des Landes. In vielen Regionen gibt es de facto kaum echten Preiswettbewerb. Das Bundeskartellamt soll durch das neue Kraftstoffmaßnahmenpaket zwar gestärkt werden, um leichter gegen missbräuchlich hohe Kraftstoffpreise vorgehen zu können, doch die jahrelange Marktkonzentration bleibt vorerst unangetastet. Das Kartellamt beschrieb diese Konzentration bereits 2011 in einer Sektoruntersuchung. Seitdem hat sich strukturell wenig verändert.
Fazit
Das Bundeskartellamt hat im Bereich Tankstellen bemerkenswert viel Wissen angesammelt. Es weiß, wo die Preise zu hoch sind, wann sie steigen, wer davon profitiert und warum der Wettbewerb nicht funktioniert. Aber Wissen allein schützt Verbraucherinnen und Verbraucher nicht. Die neue 12-Uhr-Regel hat laut ADAC sogar Rekordpreisschwankungen verursacht, die Differenz zwischen Höchst- und Tiefstpreis lag für Diesel bei bis zu 18,4 Cent pro Liter, höher als je zuvor gemessen. Solange strukturelle Marktmacht legal bleibt und neue Regeln die Konzerne bereichern statt die Verbraucher zu schützen, bleibt das Amt das, was es lange war: ein sehr gut informierter Zuschauer.
Quellen
Quellenrecherche mit KI-Unterstützung (Claude, Anthropic) durchgeführt.
Bundeskartellamt, Sektoruntersuchung Raffinerien, Zwischenbericht (2022)
Bundeskartellamt, Sektoruntersuchung Raffinerien, Abschlussbericht (2025)
Bundeskartellamt, Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K)
Bundeskartellamt, Pressemitteilung zu Kraftstoffpreisen (Juni 2022)
Bundesregierung, Maßnahmen gegen hohe Spritpreise (April 2026)
ZDFheute, Spritpreise: 12-Uhr-Regel tausendfach gebrochen (April 2026)
Handelsblatt, ADAC: 12-Uhr-Tankregel verursacht Rekordpreisschwankungen (Juni 2026) https://unsplash.com/de/s/fotos/tankstelle
