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Tanken für den Planeten? Wie Tankstellen dein Gewissen kaufen

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Stell dir vor, du tankst Benzin und bekommst dafür Umweltpunkte. Klingt absurd? Genau das versprechen Shell Go+, Payback bei Aral und ähnliche Programme jeden Tag Millionen von Autofahrenden in Deutschland. Hinter dem grünen Anstrich verbirgt sich jedoch eine gezielte Strategie: nicht weniger Kraftstoff zu verkaufen, sondern mehr und dabei besser dazustehen.

KI Generiert

1  |  Entlarvung des Widerspruchs

Treueprogramme von Tankstellen sind auf den ersten Blick eine Win-Win-Situation: Der Kunde tankt, sammelt Punkte und erhält Vergünstigungen. Der Konzern gewinnt einen treuen Kunden. Was dabei systematisch ausgeblendet wird: Das Belohnungssystem ist direkt an den Kraftstoffverbrauch gekoppelt, wer mehr tankt, bekommt mehr Punkte. Klimaschutz funktioniert genau umgekehrt.

Shell bietet seit 2020 an, den CO₂-Ausstoß an der Zapfsäule gegen einen Aufpreis auszugleichen, zunächst für 1,1 Cent pro Liter, später erhöht auf 3 Cent. Klingt nach Verantwortung. Die Rechnung geht jedoch nicht auf: Ein Liter Benzin erzeugt beim Verbrennen rund 2,3 Kilogramm CO₂. Das Umweltbundesamt beziffert die gesellschaftlichen Klimakosten einer Tonne CO₂ auf mindestens 220 Euro, das entspricht etwa 50 Cent pro Liter tatsächlichem Klimaschaden. Shells maximaler Aufpreis deckt damit weniger als 6% der realen Kosten ab Deutsche Umwelthilfe, Goldener Geier 2022 Umweltbundesamt, gesellschaftliche Kosten von CO₂ Shell CO₂-Ausgleich.

„Der CO₂-Ausstoß wird durch 1,1 Cent Aufpreis natürlich nicht gemindert und wie genau diese klimaschädlichen Emissionen in Projekten am anderen Ende der Welt ausgeglichen werden sollen, hat das Unternehmen auch nicht dargelegt.“ — Barbara Metz, Geschäftsführerin Deutsche Umwelthilfe, September 2022 Deutsche Umwelthilfe, Goldener Geier 2022

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Shell dafür 2022 mit dem Negativ-Preis „Goldener Geier“ für die dreisteste Umweltlüge ausgezeichnet. Über 20.000 Menschen beteiligten sich an der Abstimmung. In der Folge leitete die DUH rechtliche Schritte gegen Shell und fünf weitere Unternehmen wegen Verbrauchertäuschung ein Deutsche Umwelthilfe, Goldener Geier 2022.

Das mit dem Aufpreis eingekaufte Geld fließt in sogenannte Carbon Credits, Zertifikate, die Waldschutzprojekte wie das Katingan-Peatland-Projekt in Indonesien oder das Cordillera-Azul-Projekt in Peru finanzieren sollen. Beide Projekte sind im REDD+-System der UN verankert. Deren Kernproblem: Jedes Projekt muss berechnen, wie viel Wald ohne das Projekt abgeholzt worden wäre, ein hypothetisches Szenario, das per Definition nicht überprüfbar ist Greenpeace, Luftschloss Grün Forest Peoples Programme / Kichwa-Statement.

Im Fall des Katingan-Projekts zeigt eine Greenpeace-Analyse, dass die Referenzgebiete teils Hunderte Kilometer entfernt lagen und strukturell kaum vergleichbar waren Greenpeace, Luftschloss Grün. Beim Cordillera-Azul-Projekt meldeten sich indigene Kichwa-Gemeinschaften zu Wort: Über ihre Territorien wurden CO₂-Rechte verkauft ohne ihr freies, vorheriges und informiertes Einverständnis Forest Peoples Programme / Kichwa-Statement. Shell hatte laut Berichten rund 14 Millionen Credits aus diesem Projekt erworben Forest Peoples Programme / Kichwa-Statement.

2  |  Die psychologische Manipulation

Greenwashing wäre wirkungslos, wenn Menschen es sofort durchschauen würden. Es funktioniert, weil es an tief verwurzelte psychologische Mechanismen anknüpft. Der entscheidende Hebel: das Konzept des sogenannten Moral Licensing.

Was ist Moral Licensing?

Moral Licensing beschreibt das psychologische Phänomen, dass eine moralisch gute Tat als Rechtfertigung für eine nachfolgende weniger gute Tat dient. Wer glaubt, etwas Gutes getan zu haben, erlaubt sich im nächsten Schritt mehr, ohne Schuldgefühl. Vom Sport kennt man das: Wer heute trainiert hat, gönnt sich abends leichter ein Stück Kuchen.

Übertragen auf Tankstellen bedeutet das: Wer „klimaneutral“ tankt oder Ökopunkte sammelt, nimmt sich selbst als umweltbewussten Konsumenten wahr und senkt damit unbewusst die innere Hemmschwelle für weitere Fahrten. Eine Marketinganalyse der BSI AG zeigt: Nachhaltigkeitskampagnen und klimaneutrale Produkte geben Konsumenten gezielt ein gutes Gefühl, wodurch sie ihre Entscheidungen weniger kritisch hinterfragen und zusätzliche Käufe eher rechtfertigen.

„Nachhaltigkeitskampagnen und klimaneutrale Produkte dienen dazu, Konsumenten ein gutes Gefühl zu geben, wodurch sie ihre Entscheidungen weniger kritisch hinterfragen. Ein Beispiel dafür ist die Bewerbung von Produkten als ‚grün‘, wodurch Verbraucher höhere Preise oder zusätzliche Käufe rechtfertigen.“ — BSI AG, Moral Licensing als Marketingstrategie (2024) (ein Marketingdienstleister von Shell und Nestlé)

Der Rebound-Effekt

Sparmaßnahmen bei Energie bringen oft weniger, als man erwartet. Ein möglicher Grund ist Moral Licensing: Wer etwas Gutes getan hat, erlaubt sich danach eher wieder ein schlechteres Verhalten. Studien des Fraunhofer ISI zeigen, dass so ein Effekt auch beim Energieverbrauch eine Rolle spielen kann, aber nicht immer deutlich nachweisbar ist Fraunhofer ISI, Kann Moral Licensing Rebound-Effekte erklären? Fraunhofer Publica, Moral licensing. Another source of rebound? Fraunhofer ISI, Moral Licensing and Rebound Effects in the residential lighting area.

3  |  Das Ende der grünen Versprechen — Was die EU ab 2026 verbietet“

Was sich rechtlich ändert

Die EU hat reagiert. Im Februar 2026 hat Deutschland die EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825 in nationales Recht umgesetzt. Ab dem 27. September 2026 gilt verbindlich: in der Werbung sind Begriffe wie „klimaneutral“, „grün“ oder „umweltfreundlich“ verboten, sofern sie nicht klar belegt und transparent erklärt werden; kompensationsbasierte Labels wie „klimaneutral durch CO₂-Ausgleich“ fallen unter die neuen Verbote ohne vollständigen, unabhängig geprüften Nachweis; intransparente Siegel ohne staatliche Zertifizierung sind nicht mehr zulässig Umweltbundesamt, Greenwashing erkennen – Transparenz schaffen DFGE, Die EmpCo-Richtlinie Carbon Trust, ECGT Directive explained Boehmert & Boehmert, Empowering Consumers-Richtlinie.

Was das für Shell Go+, Aral Payback & Co. konkret bedeutet: Die bisherigen Programme müssen ihre Klimaversprechen wasserdicht belegen oder sie sind ab Herbst 2026 schlicht illegal Umweltbundesamt, Greenwashing erkennen – Transparenz schaffen DFGE, Die EmpCo-Richtlinie.

Allgemeine Umweltaussagen wie ‚grün‘ oder ‚öko‘ werden bis auf wenige Ausnahmen verboten. Kompensationsbasierte Labels wie ‚klimaneutral‘ fallen ausdrücklich unter die neuen Verbote, wenn der Nachweis fehlt.“ — Umweltbundesamt, zur EU-Richtlinie (EU) 2024/825 Umweltbundesamt, Greenwashing erkennen – Transparenz schaffen

Fazit

Die Rechnung ist eindeutig: Shell bietet bis zu 3 Cent CO₂-Ausgleich pro Liter, während der tatsächliche Klimaschaden bei rund 50 Cent liegt Shell CO₂-Ausgleich Umweltbundesamt, gesellschaftliche Kosten von CO₂. Die Zertifikate, die mit diesem Geld gekauft werden, haben in der Mehrheit der Fälle keine nachweisbare Klimawirkung Greenpeace, Luftschloss Grün Forest Peoples Programme / Kichwa-Statement. Das Treueprogramm belohnt genau das Verhalten, das den Schaden verursacht. Und Moral Licensing sorgt dafür, dass Verbraucherinnen und Verbraucher dabei noch ein gutes Gefühl haben Fraunhofer ISI, Kann Moral Licensing Rebound-Effekte erklären?.

Das ist kein Versehen. Es ist System.

Für die Recherche potenzieller Quellen wurde Claude als Recherchehilfe genutzt. Alle angegebenen Quellen wurden eigenständig überprüft und ausgewertet.

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