Pressesprecher in der Identitätskrise

Ob ein Teenager-Mädchen mit gefärbten Haaren oder ein Mann mittleren Alters, der plötzlich einen neuen Sportwagen braucht – jeder von uns steckt in seinem Leben zeitweise in einer Identitätskrise. Ein Zustand, der dem gemeinen Pressesprecher nicht unbekannt sein dürfte. Das jüngste Beispiel aus der US-Amerikanischen Politik beweist: Aussagen, ob als Privatperson oder als Kommunikations-Experte getätigt, sind nicht immer einfach voneinander zu trennen.

Auch der Pressesprecherin des US-Kongressabgeordneten Fincher wurde diese Problematik zum Verhängnis. Vor wenigen Tages posted Elisabeth Lauten einen Kommentar über das Verhalten von President Obamas Töchtern während der jährlichen Truthahn-Begnadigung zu Thanks-Giving. Sie kritisiert die, von ihr als gelangweilt empfundenen, Gesichtsausdrücke und die knappe Kleidung der Mädchen. Der unsachliche Tonus und die harsche Kritik der Kommunikations-Expertin stoßen einen Shitstorm über die sozialen Netzwerke an. Dank des Hashtags #FireElizabethLauten und weiterer Hasstiraden im Internet gibt die Pressesprecherin wenige Stunden später ihren Rücktritt bekannt.

Wie konnte Lauten in diese Falle tappen?

Schließlich steht ein Pressesprecher für eine Institution, in ihrem Fall für einen Abgeordneten im US-Parlament, und kommuniziert dessen Anliegen. Aber genau wie das 14-Jährige Schulmädchen ist er ein Mensch – mit einer eigenen Meinung. Und die spiegelt nicht automatisch die der Institution wider. Wann darf der Pressesprecher Privatperson sein und wann muss er berufliche Seriosität an den Tag legen?  Wo liegen die Grenzen zwischen der Privatperson und dem Kommunikations-Experten?

Diese Linie zu ziehen fällt Vielen schwer – oft endet der Zwiespalt darin, dass ein Pressesprecher überhaupt kein Profil zeigt und nur auswendiggelernte Standartphrasen in einem Gespräch parat hat. Ist das besser, als durch eine eigene Meinung aufzufallen und somit den jetzigen und zukünftige Jobs zu verlieren?

Wir alle befinden uns von Zeit zu Zeit in einer Identitätskrise. Pressesprecher müssen private Äußerungen in der Öffentlichkeit allerdings doppelt checken – diese können immer auf ihren Arbeitgeber, sowie die eigene Kompetenz zum Kommunikations-Experten zurückgeführt werden.

 

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re:publica: Sascha Lobo tadelt die Netzgemeinschaft

Sascha Lobo auf der re:publica 2014 (Flickr-Bild: HolgerRings; Lizenz: CC)
Sascha Lobo auf der re:publica 2014 (Flickr-Bild: HolgerRings; Lizenz: CC)

Die re:publica ist vorbei. “I’ve been looking for digital freedom”, so sang David Hasselhoff auf der Berliner Internetmesse.  Es war jedoch nicht der US-Entertainer, der die  Schlagzeilen über die re:publica dominierte.  Denn auch Internetspezialist und Blogger Sascha Lobo widmet sich dem Thema Internetfreiheit in seiner “Rede zur Lage der Nation”.

Sascha Lobos „Rede zur Lange der Nation“ vom 06.05.2014

Eine etwas andere Keynote

Es ist mittlerweile Tradition, dass Sascha Lobo am ersten Tag der re:publica eine Keynote-Rede hält. Normalerweise besticht der Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt durch Redegewandtheit und Witz – ein Grund, warum die Halle fast aus den Nähten platzt. Doch das gespannte Publikum wird desillusioniert: Heute gibt es keinen lustigen Sascha Lobo, der mit jedem zweiten Satz einen Lacher provoziert – heute ist Sascha Lobo nüchtern und seriös. Mit seiner „Rede zur Lange der Nation“ möchte er der Netzgemeinschaft ein Thema ans Herz legen, das er für wichtig erachtet.  Seine eröffnende Aussage lautet:  „Ihr habt versagt, was die Unterstützung jener angeht, die versuchen, das Internet frei, sicher und offen zu halten“ Ein Vorwurf an jeden, dem das Thema Internetsicherheit am Herzen liegt.  Eine rhetorische Taktik, die  Aufmerksamkeit erzeugt und an der einige Anstoß finden.

Bundessprecherin der Piratenpartei Anita Möllering twittert live von der re:publica.
Bundessprecherin der Piratenpartei Anita Möllering twittert live von der re:publica.

 

Das Versagen der Internetgemeinde

Warum „wir“ versagt haben? Lobos Aussage: „Weil ihr nicht spendet! Ihr wollt zwar ein freies Internet und heißt es nicht gut, von NSA  und Co ausspioniert zu werden, aber trotzdem verzeichnet ein Bayrische Vogelschutzverein jährlich mehr Zuwendungen als alle deutschen Netzpolitischen Organisationen gemeinsam“

„Politische Prozesse sind so lang, so schwierig. Da muss jemand dran bleiben. Das kostet Geld!“, appelliert der Internetpunk. Lobo fordert auf, aktiv zu werden und durch Investition in Organisationen wie Netzpolitik.org aus der Hobby-Lobby fürs Internet eine ernsthafte Lobby zu gestalten.

 

Neue Hashtags braucht das Land

Im Eiltempo erinnert Lobo en Detail an die NSA-Affäre. Einige Seiten Notizen später hält er kurz inne und sagt: „Und das war nur der Juni!“ Er will zeigen: Der Späh-Skandal war wie ein Meteoriten-Einschlag ins Internet. „Der Meteorit schlägt immer noch ein. Und ihr? Ihr installiert ein weiteres Plug-In und macht ansonsten weiter wie bisher. Ein bisschen twittern und sich über Profalla lustig machen – das war‘s“, so das nüchterne Urteil des Kultbloggers.

Aber eigentlich will er ja gar nicht das Wort NSA-Affäre gebrauchen. Denn eine Affäre ist schließlich irgendwann beendet. Stattdessen möchte Lobo Hashtags wie: #Spähangriff, #Spitzelattacke oder #Totalüberwachung prägen. Und auch die Geheimdienste bekommen von ihm einen neuen Namen –  #Überwacher oder #Spähradikale. Twitter-User gewöhnen sich an das neue Vokabular und fangen an, umzudenken.

Twitter-User lernen neue Vokalen
Twitter-User lernen neue Vokalen

 

Apell und Reaktion

Lobo hofft auf Unterstützung durch  Konzerne und Politik. Er fordert dazu auf, Bündnisse zu schließen und endet mit der Aussage:  „Wir sind nicht machtlos.“ Noch ein letzter Apell an alle, mit zu machen und im Zuschauerraum bricht tosender Applaus aus.

Die Reaktionen von Bloggerszene und Presse sind gemischt.

 

„Lobos Standpauke hat gesessen – bleibt zu hoffen, dass möglichst viele sie sich wirklich zu Herzen nehmen.“  – Techblog t3n

 

„Die Ermahnung von Sascha Lobo bei seiner jährlichen Grundsatzrede auf der re:publica […] Er mahnte Ähnliches auch schon vergangenes Jahr an, an selber Stelle. Ohne etwas zu bewirken.“manager-magazin.de

 

„Sascha Lobo ist jetzt offiziell nicht mehr lustig. […]Lobo mahnt aber nicht nur, er beschimpft sein Publikum auch.taz.de

 

„Sascha Lobo als Priester der Netzgemeinde: Er legte den Finger in die Wunde der mangelhaften Bemühungen für ein freies Internet – und er hat recht: Die Netzgemeinde hat immer noch nicht begriffen, wie sie ihre Ziele in der Politik nachhaltig durchsetzt.“ –  welt.de

 

Wie die Aufmerksamkeit umschägt

Obwohl die Presse Sascha Lobos Rhetorik kritisiert, scheint das Publikum seine Drohung ernst zu nehmen.  Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet sich Lobos Behauptung, es gebe keine politischen Ansprechpartner zum Thema „Weltüberwachung per Internet“ ausführlich im Feuilleton. Im Interview sind drei Experten aus Politik, Internetszene und Wissenschaft – und diese schließen sich Lobos Meinung an.

Es scheint, als habe Lobo eine Welle losgetreten – zumindest Aufmerksamkeit gab es genug. Die Reaktion der Öffentlichkeit: Experten-Interviews in überregionalen Zeitungen und unzählbare Blogeinträge so wie Twitter-Posts. Die Netzgemeinde ist gewillt, Lobos Aussage weiter zu transportieren – ob sie wie gewünscht spenden, wird sich noch herausstellen.

 

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Oberbürgermeister dank aktiver Internetnutzung

Ob Merkels Webseite, Gabriels Twitter-Account oder Özdemirs Facebook-Profil – immer mehr Spitzenpolitiker präsentieren sich auch im Netz, um an Diskussionen teilzunehmen, selbst über Neuigkeiten zu berichten oder dem potenziellen Wähler eine etwas persönlichere Seite neben dem Politikeralltag zu zeigen. Doch auch auf Kommunalebene gewinnt das Internet als Kommunikationskanal immer mehr an Bedeutung.

Es ist fast schon selbstverständlich, dass Mandatsträger als Volksvertreter auch im Internet auf eigenen Kanälen zu finden sind – ob mit einem ganzen Medien-Team wie hinter Frau Merkels Internetauftritt oder höchstpersönlich an den Tasten. Auf den großen Politikbühnen eigentlich ein Muss sollte man meinen, doch es hat sich noch längst nicht zu allen herumgesprochen. Auf der kleineren Kommunalebene sieht es nochmals etwas anders aus: Nur wenige Politiker sind online aktiv, um sich zu profilieren und an Diskussionen zu beteiligen. Doch gerade hier ist der persönliche Kontakt zum Wähler sehr wichtig und durch soziale Medien leicht umzusetzen. Natürlich ist lange nicht jeder Bürger über das Internet zu erreichen, doch durch die steigende Zahl der Nutzer steigt auch die Bedeutung des Online-Auftrittes.

Ein aktuelles Beispiel für den Wert des Social Web für Kommunalpolitiker ist die überraschende Wahl von Dr. Florian Janik zum neuen Erlanger Oberbürgermeister.

Auch am Wahltag auf Twitter sehr aktiv: Erlangens neuer Oberbürgermeister
Auch am Wahltag auf Twitter sehr aktiv: Erlangens neuer Oberbürgermeister

In der fränkischen Großstadt, deren Einwohner zu einem Drittel internetaffine Studenten sind, dann doch keine große Überraschung, so könnte man behaupten. Doch gerade für Herausforderer, deren Gegner bloß auf den klassischen Straßenwahlkampf setzen, bietet das Netz viele Vorteile. Diese nutzte der 34-jährige SPD-Politiker Janik auf zahlreichen Kanälen gegen den 27 Jahre älteren Amtsinhaber Siegfried Balleis der CSU.

„Ich denke, es gibt viele Leute, die den Wahlkampf ausschließlich online, vor allem über Social Media wahrgenommen haben. Und es war ja auch unsere Strategie, alle Medien zu besetzen.“ (Janik)

Medienbeobachter und auch der einfache vernetzte Bürger stellen immer wieder fest, dass es kein Hexenwerk ist, eine eigene Seite ab und zu mit neuem Content zu füllen. Seien es „nur“ 140 Zeichen von der aktuellen Konferenz oder ein Foto der letzten Wahlkampfaktion. Auch ehrenamtliche Kommunalpolitiker können so mit einfachen und kostengünstigen Mitteln die bisherigen Kommunikationsmaßnahmen ergänzen und dabei sogar Zeit sparen. Außerdem bietet das Internet die Möglichkeit, Kontaktdaten, Neuigkeiten und wichtige Informationen schnell zugänglich zu machen – eine E-Mail-Adresse sollte natürlich vorhanden sein.

Das Netz bringt natürlich auch Risiken mit sich: Ist erst einmal eine missverständliche Aussage gepostet, so findet diese schnell viele Leser und bietet ihnen eine einfache Plattform für Diskussionen bis hin zum Shitstorm. Wenn man allerdings Chancen und Risiken abwägt und wie im normalen Politikeralltag genaue Planung und möglichst auch ein unterstützendes Team voraussetzt, lohnt sich ein Online-Auftritt. Wer es vernachlässigt, über das Internet Nähe zu den Wählern zu suchen, muss befürchten, gleich aus dem Rennen zu fliegen.

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Seehofer wants your Beteiligung – „Aufbruch Bayern“ auf YouTube


Im Stile Uncle Sams ruft der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer die Bürger zu mehr Beteiligung auf. Fotomontage: Desirée Grobecker

Ihre Social-Media-Kampagne startete die bayrische Staatsregierung im Sommer 2010. Intensiv nutzt sie Twitter, Facebook und die eigene Corporate Website, um mit den Bürgern des Freistaats in Kontakt zu treten. So konnten diese vom 16. Juni bis zum 15. August vergangenen Jahres über die „Dialog-Plattform“ der Kampagne Vorschläge zur Verbesserung der Familien-, Bildungs- und Innovationspolitik einreichen, diese diskutieren und bewerten. Über 100.000 Bürger habe innerhalb zweier Monate 740 Ideen, Vorschläge und Best-Practice-Beispiele diskutiert. Die besten davon wurden von der Staatsregierung ausgezeichnet und mit Preisen belohnt, nachzulesen in folgender Pressemitteilung.

Jetzt versucht die Staatregierung an diese Erfolge anzuknüpfen. Seit einigen Tagen kursiert ein YouTube-Video im Netz, in dem der bayrische Ministerpräsident, Horst Seehofer (CSU), mit einer ausufernden Geste, ganz im Stile „Uncle Sams“, seine Bürger zu mehr Beteiligung an der Politik aufruft. Per Videobotschaft oder in den Kommentaren können die Bürger nun auch über diesen Kanal Fragen stellen und Vorschläge machen.

Was dahinter steht: virales Marketing und der Anspruch, die Bürger direkt auf Augenhöhe anzusprechen und sie so aus ihrem „virtuellen Wohnzimmer“ abzuholen. Der 50-Sekunden-Clip ist seit fünf Tagen online und hatte am Sonntag bereits mehr als 64.000 Aufrufe und knapp 200 Kommentare. Dass diese nicht durchweg positiv ausfallen und einige Bürger kritische Fragen zum Negativ-Wahlwerbespot „Männlein im Walde“ („404 – Page not found“ – aber für euch, liebe Leser, der Cache-Link) stellen, war zu erwarten – die Staatsregierung jedoch offenbar nicht darauf vorbereitet:

„Als Sie noch vor ein paar Tagen auf den Werbespot ihrer Partei gegen die Grünen angesprochen wurden, sagten Sie, das Internet sei nicht von Bedeutung…Das hat sich wohl in kürzester Zeit geändert…Wenn das so ist, dann wäre es schön, wenn Sie erneut zu diesem Spot der CSU Stellung beziehen würden.
Danke!“
BastiDoener
„@BastiDoener Der Bayernkanal ist Teil der Informationsarbeit der Bayerischen Staatsregierung im Rahmen ihres verfassungsrechtlichen Informationsauftrags. Deshalb werden Fragen und Kommentare, die einen parteipolitischen Bezug haben, nicht beantwortet.“
Bayern

oder

„Ich habe schon drei Fragen gestellt alle wurden bisher gelöscht, diese ist meine Letzte:“Wie steht die CSU Pressefreiheit und Zensur gegenüber. Ist es wahr das die CSU vor hat Videospiele mit gewalttätigen Inhalten zu verbieten? (Und wie oft werden meine Fragen noch gelöscht?)“
ThePinselkind

Dabei steht Horst Seehofer (CSU) doch laut eigener Aussage für Dialog und Beteiligung. Die Beteiligung klappt prima, am Dialog muss in Bayern noch gearbeitet werden.

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Das Internet ist böse! – Öhm, ja…

Eigentlich sollte dies eine sachliche, kritische Rezension zur gestern Abend ausgestrahlten Talkrunde von Maybrit Illner werden. Die Gästeliste in Kombination mit dem Thema gab schließlich einiges her: Kay Overbeck, Unternehmenssprecher von Google und u.a. zuständig für Deutschland, war da, FAZ-Herausgeber Frank „Payback“ Schirrmacher ebenso, dazu die Verbraucherschutzministerin Ilse „sonst sehe ich mich gezwungen meine Mitgliedschaft zu beenden“ Aigner, der ehemalige Sevenload-Gründer und Webkenner Ibrahim Evsan, Constanze Kurz, Sprecherin des ChaosComputerClub und an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig, und … naja, Andrea Kiewel eben in der Rolle der besorgten Mutter. Warum auch immer. Das Alles unter dem (sehr plakativen) Stempel „Die Gefahr aus dem Internet“.

Und so schaltete ich ein und dachte mir im Stillen „mal sehen, wie es wird“, um es im Nachhinein aus einem mit Hand und Fuß versehenen PR-Blickwinkel analysieren zu können. Es wurde nix. Sorry, aber was blieb als Kernaussage beim eventuell nicht sehr webmündigen Zuschauer hängen? Das Internet ist böse!? Und Kegeln am PC ist gleich ballern!? Eine „Diskussion“ wie diese hilft niemandem wirklich weiter. Und so sehe ich mich auch nicht wirklich in der Lage eine sachliche PR-Kritik schreiben zu können, sondern eher eine Zusammenfassung des Ganzen für alle, die sich die Sendung noch nicht angesehen haben.

Maybrit Illner will über die Risiken des Internets sprechen: „Ausgespäht und abgezockt – Wie gefährlich ist das Internet?„. Los ging es mit einem Einspieler über Computer- und Videospielkurse für Senioren, die so endlich eine Ahnung davon bekommen können und wollen was ihre Enkel mit der Technik so anstellen. Aus den unter anderem virtuell kegelnden Rentnern machte Illner nonchalant einfach mal „ballernde Senioren“. Das gehört zwar nicht direkt zum Thema, zeigt aber, wie aufgeladen jegliche Debatte um Computer ist. Die Milchmädchenrechnung: Virtuelles Kegeln = Killerspiel. Bestimmt. Vielleicht hätte man an dieser Stelle schon wegzappen sollen…

Kommen wir zum Beginn der Diskussion: Frank Schirrmacher und Ilse Aigner wiederholen gebetsmühlenartig ihre „Argumente“: Die Menschen geben zu viel von sich preis, beispielsweise bei Facebook. Sie wüssten nicht, dass „jede Suchanfrage für Google auch eine Antwort“ ist, so Schirrmacher. Er fürchtet die Mathematik, die sich hinter den Interfaces versteckt, bzw. dass Menschen und ihr Verhalten berechenbar werden. Heute würden ihnen in Online-Shops personalisiert Bücher angeboten, die andere ebenfalls für passend zum Thema einstuften, morgen Menschen.

Aigner sitzt im selben Zug, schimpft auf die „Supermächte“, die Daten anhäufen und wer-weiß-was mit ihnen anstellen. Die Menschen im Netz seien sich ihrer Spuren nicht bewusst, das müsse sich ändern. Wer hier einen Aufruf zu Eigenverantwortung zu erkennen glaubt, wird enttäuscht: Das war es schon.

Constanze Kurz greift diesen Aspekt jedoch auf und geht auf die Wahlmöglichkeiten der Nutzer ein. Auch Kay Overbeck nennt schätzungsweise mehr Konkurrenzsuchmaschinen beim Namen als Schirrmacher und Aigner zusammen. Kurz verweist auch darauf, dass ein Verbraucherschutzministerium nicht nur von den Firmen fordern sollte, dass sie aufpassen, sondern auch konkrete Ideen einbringen. Leider scheint Aigner keine davon dabei zu haben. Vielleicht ergibt sich ja beim Gespräch mit Mark Zuckerberg mehr. Schließlich findet sie dessen Mail als Antwort auf ihren offenen Brief als „okay“ empfinde, da man die weitere Diskussion schließlich bilateral führen wolle.

Wirklich Eindruck hinterlassen nur Kurz und Ibo Evsan, der im Publikum sitzt und kurz zu Wort kommt. Er geht als einziger darauf ein, dass viele Inhalte freiwillig ins Netz gestellt werden, um sie mit Freunden zu teilen und dass das Netz ein – und er nennt es ganz bewusst so – „schönes Spielzeug“ ist. Den kleinen Seitenhieb, dass die Regierung es nach dem Platzen der ersten DotCom-Blase versäumt habe, die eigenen Spezialisten im Land zu halten, statt sie in die USA und Co. auswandern und dort mit ihrem Fachwissen zum Kompetenzvorsprung beitragen zu lassen, kann er sich jedoch nicht verkneifen. Auch Overbeck macht ohne große Schwierigkeiten eine bessere Figur als Aigner und Schirrmacher. Google sammelt Daten in Unmengen, aber Overbeck nennt wenigstens konkrete Maßnahmen, die es bei Google gibt. Diese sind vielleicht kein Königsweg, vom allgemeingültigen Geschwafel hebt er sich dennoch ab.

Ich will Google per se nicht in den Himmel loben. Datenschutz ist wichtig und ich möchte auch nicht wirklich von Streetview gefilmt werden. Aber wenn ein Thema auf einer so unsachlichen Basis abgehandelt wird, kann ich nur den Kopf schütteln. Die ganze Debatte gestern Abend scheiterte an den selben Problemen wie jene zum Thema Gentechnik: Viele Ängste, wenig Argumente, jeder hat eine Meinung, aber kaum jemand Ahnung und dann soll diese ganze Vielfalt in 60 Minuten Sendezeit gepresst werden. Dass das nicht funktionieren kann, war vielen, die die Sendung via Twitter live mitkommentiert haben (und auch jetzt noch darüber diskutieren), schon vorher klar, nur den Machern von „Maybrit Illner“ nicht.

Ein buntes Sammelsorium an mehr oder minder sachlicheren Kritiken findet sich schließlich hier:
FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner – Googles Prophezeiungen
TV-Diskussion: Wenn Maybrit Illner über das gefährliche Internet talkt
TV-Kritik: Maybrit Illner – „Ausgegoogelt – Kassandra traf auf Knallbonbon“
Maybritt Illner: Problemfall Internet
Blogpost von Happy Schnitzel (die noch vor der Sendung eine treffende Analyse hinlegte)

PS: Was man über sich preisgibt und was die „Monopolisten“ machen, wenn man ein Fan von Maybrit Illner auf Facebook wird, wurde nicht diskutiert. Schade eigentlich. Ach ja, und wenn ich mal alt bin, werde ich ein „Silver Server“ 😉

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Testimonial-Grabbing: Leyenhafter Griff zur Doppelnull

OBACHT: Dieser Beitrag ist als bissige Satire zu verstehen.

Seien wir kreativ und taufen es „Testimonial-Grabbing“, was Frau von der Leyen (Ursula, Familienministerin der BR Deutschland bis mindestens September ’09, CDUlerin, siebenfache Mutter) da mit Sir Roger Moore betrieb. Da, das war am Dienstag, dem 2. Juni, in Berlin, als sie der Öffentlichkeit gemeinsam mit dem berühmten Mimen den UNICEF-Report 2009 zum weltweiten Kampf gegen Kinderpornografie präsentierte.

Roger Moore, Stilikone, Liebling der cinematophilen Massen, weil siebenfacher 007-Verkörperer in Weltrettungsmission, ist mittlerweile solide 82 jahre alt und engagiert sich seit nunmehr 18 Jahren als Botschafter des UN-Kinderhilfswerks. Ein Mann, der sich präsentieren kann, von Grund auf tele- und fotogen und nicht auf den Kopf gefallen. Das ist auch gut so, denn er hat sich einer ehrenwerten, wenngleich leider sysphosschen Aufgabe verschrieben: Kinder weltweit vor dem sexuellen Missbrauch zu schützen.

Gut ist das alles auch für Ursula von der Leyen, denn politisch steht sie derzeit mit dem Rücken zur Wand. Die Umsertzungen ihrer angeleierten Reformprojekte – Teilzeitelterngeld, intensivierter Kinderschutz durch die Jugendämter und die Internetsperren gegen Kinderpornographie – werden vom Koalitionspartner SPD mit einem trotzigen „Nein“ zum Platznehmen auf der langen Bank verdammt. Gerade der letzte Punkt ist besonders kritisch. Über 100.000 Menschen haben sich bereits in die Online-Petition gegen das Gesetz zur Sperrung von Webseiten eingetragen. „Zensur“, „Ineffizienz“ und „verfehlter Aktionismus“ unken die Kritiker und machen aus Ursula „Zensursula“. Nicht nur die natürlich webaffine Blogosphäre wettert sich wund, mitlerweile sickert der Unmut auch in die meinungsbildende Hirnregion der Offline-Bevölkerung.

Kinderpornographie ist ein starkes Thema, ein wirkungsmächtiges. Niemaden lässt es kalt, wenn laut Schätzungen der Vereinten Nationen jährlich rund 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen unter 18 Jahren zum Sex gezwungen werden. Der Minsterin müsste also für ihr Anliegen eine Welle der Sympathie entgegenschlagen. Die Frage, ob Kindepornografie abstoßend und verurteilenswert ist, würde jeder mit ja beantworten. Dass man alles Erdenkliche dagegen unternehmen muss, sicher ebenso. Und doch reitet sie gegen immer stärker werdende Meinungs-Windmühlen an. Weil, aus ihrer Sicht, der falsche Aspekt in den Vordergrung gerückt ist – Zensur. PR-Gau. Communication: failed!

Da kommen UNICEF und Herr Moore gerade recht, um, qua Aufmerksammachung durch einen mehr als prominenten Fürsprecher, endlich die Brücke in die Köpfe des Bevölkerug zu schlagen. Wie recht das kommt, wie groß die zu Grunde liegende politische Drangsal wirklich ist, zeigt sich, wie immer, in ostentativem Händeschütteln und In-die-Kameras-grinsen. Inhaltlich – und das ist optimal und darf nicht verschwiegen bleiben – gibt ihr der UNICEF-Bericht Recht. Ja, neuartige Medien spielen eine immer wichtiger werdende Rolle bei der Verbreitung von Kinderpornographie. Ja, die Sperrung von Internetseiten könne ein wichtiger Baustein bei deren Bekämpfung sein. Ja.

Natürlich sind wir bereit zu glauben, dass das stimmt. Es ändert aber nichts daran, dass Frau von der Leyen dabei wirkt wie ein Affe, der nach einem bunten Glitzerstein graptscht. In diesem Fall heißt der Stein Rooger Moore. „Testemonial-Grabbing“, eben.

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Wahlradar: Politische Meinungsführer im Web

Wahlradar 09: Politische Meinungsführer im Web

Die Kommunikationsprofis von Publicis Consultants wollen offenbar den deutschen (Vor-)Wahlkampf revolutionieren: In Zusammenarbeit mit dem Analyse-Dienstleister linkfluence hat Publicis nun das Tool „Wahlradar 09“ vorgestellt, das frühzeitig politische Meinungsmacher und Trends in Echtzeit identifizieren soll. Auf einer digitalen Web-Deutschlandkarte werden über 3.000 politische Seiten – sowohl klassische Medien als auch Blogs – kartiert und deren Verbindungen dargestellt.

In einer Pressemitteilung verspricht Axel Wallrabenstein, Managing Partner von Publicis, Großes:

Wer den wahren Wert von Wahlradar erkennen will, muss es selber ausprobieren. Auch Kommunikationsprofis reagieren jedes Mal verblüfft, wenn wir zeigen, was Wahlradar alles aufdeckt und welche Verlinkungen sichtbar werden.

Vielleicht ersetzt das Abbild der digitalen Meinung zukünftig  ja die traditionelle Wen-würden-Sie-wählen-Sonntagsfrage: wen erklärt die Web-Community zum politischen Trendsetter?

E-Government als Teil eines neuen supranationalen Politikverständnisses wird auch die politische Kommunikation grundlegend verändern. Einen Blick über die Chancen des Polit-Webs kann sich schon jetzt jeder User mit dem Wahlradar verschaffen.

Ganz jungfräulich ist die Form des politischen Trend-Barometers aber nicht. Linkfluence visualisierte bereits die Wahl des französischen Präsidenten 2007 und auch die des „Yes-we-can!“-Präsidenten Barack Obama.

(Screenshot: wahlradar.de)

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Auf dem Weg zur Multimediademokratie?

Nach über vier Jahren Studium an der FH Darmstadt habe ich endlich mein Diplom in der Tasche. Jetzt, wo alles vorbei ist, möchte ich an dieser Stelle gerne noch einmal auf meine Diplomarbeit („Der Kandidat ist Online! – Politische Kommunikation im Internet“) hinweisen. Schließlich studieren wir Online-Journalismus und da find ich es nur zeitgemäß, wenn die Diplomarbeiten nicht nur in der Bibliothek stehen. Außerdem möchte ich dem Wunsch nach einer Web-Veröffentlichung von Steffen Büffel, der freundlicherweise auch für ein Experteninterview zur Verfügung stand, gerne nachkommen. Auf einen Schlussgedanken möchte ich an dieser Stelle noch hinweisen. Nachdem ich mich monatelang mit dem Thema beschäftigt habe, möchte ich als mögliches Zukunftsszenario die „Multimediademokratie“ benennen. (mehr …)

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