Kann man schon so machen…

Quelle: truefruits.com
Quelle: truefruits.com

Pürierte Früchte aka Smoothies sind voll im Trend. Die Supermarktregale in den Obst- und Gemüseabteilungen sind voll mit den bunten Fläschchen. Dort fallen besonders die Smoothies der Marke True Fruits mit feschem Design und kecken Sprüchen auf den Flaschen auf. Im März diesen Jahres erschien die limitierte „Black Edition“. Mit diesem lieferte True Fruits seinen Kunden nicht nur ein außergewöhnliches Design, sondern auch wieder einmal einen amüsant provokanten Flaschentext:

„Hast du schon mal einer hässlichen Freundin, die aber total lieb ist ein Date besorgt? So fühlen wir uns gerade mit dem white, unserem wohl leckersten Smoothie, der aufgrund seiner blassen und unfruchtigen Optik leider viel zu selten in den Genuss eines knisternden Rendezvous mit Dir kommt. Was blieb uns also anderes übrig, als das Licht auszuknipsen, damit Du dich einzig und alleine auf seine inneren Werte konzentrieren kann. #schluckimdunkeln„

Dieser stieß allerdings einigen KundInnen sauer auf und es entwickelte sich rasch ein kleiner Shitstorm auf der Facebook Fanseite. Sexismus und Lookismus (die Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Aussehens) lauteten die Vorwürfe. Nun gut, Shitstorms entwickeln sich ja mittlerweile ständig und überall. Schließlich darf jeder seine Meinung sagen, andere befürworten oder eben dagegen sein, man darf sich angegriffen fühlen und seinem Ärger Luft machen. Vorallem auf Social Media Plattformen hat man die Chance, sich direkt an ein Unternehmen zu wenden, gehört und vielleicht auch verstanden zu werden. Aber eben nur vielleicht.

Orientiert man sich an den gängigen Community Management Regeln, sollte ein Unternehmen auf einen Shitstorm verständnisvoll und defensiv reagieren, egal ob man die negative Kritik nachvollziehen kann oder nicht. Man kann es aber auch wie True Fruits machen: verständnislos und offensiv. Der Smoothiehersteller schießt sogar hart zurück, negative Kommentare werden mit Beleidigungen beantwortet und ins Lächerliche gezogen – alles natürlich in gewitzter, ironischer True Fruits Manier. In einem öffentlichem Statement via Facebook machen sie nochmal ganz klar deutlich, wie egal ihnen die Kritik ist und das sie zu Ihrem Flaschentext stehen:

Quelle: wuv.de
Quelle: wuv.de

 

 

 

Quelle: focus.de
Quelle: focus.de

Jeder PR-Mensch würde bei dieser Art von Reaktion die Nase rümpfen. Auch ich war anfangs etwas irritiert von diesem Verhalten seitens True Fruits. Schließlich spricht das gegen alles, was ich bisher bezüglich Community Management gelernt habe. Warum sollte ein Unternehmen so auf Kritik reagieren, noch Öl ins Feuer gießen und damit aus einem „Mini-Shitstorm“ einen deftigen Schlagabtausch inszenieren? Ich schaute mir das Ganze also etwas genauer an und stellte schnell fest, dass es sich um eine absolut gelungene Strategie handelt. Die Smoothiemacher generierten dadurch Aufmerksamkeit und vorallem überwiegend positives Feedback der Fans.

Man muss sich also nicht immer klein machen, sondern seinem Kurs treu bleiben und dazu stehen. Ein gewisses Risiko, Fans zu verlieren, besteht dabei natürlich immer – aber eben genauso die Chance treue Fans noch mehr an sich zu binden und Neue zu generieren. Natürlich kann man das nicht auf jedes Unternehmen und jede Situation beziehen. Im Falle von True Fruits ist das allerdings vollkommen zulässig, da die Fans diesen Humor kennen und lieben. Zudem sprechen sie sich gegen ständiges Rummäkeln und übertriebene Moralvorstellungen in Social Media aus. Dadurch haben sie sich Sympathie im Netz geschaffen. Man kann den Spieß also auch umdrehen, indem man sich eben nicht für seine Marke oder PR-Strategie entschuldigt. Zudem muss man sich auch immer die Frage stellen, ob es sich bei den Kritikern um potenzielle Kunden handelt, oder einfach um Menschen, die sich dazu berufen fühlen, Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Vorallem bleibt Humor immer noch Geschmackssache.

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Tweets aus der Raumstation

„Es war ein ziemlicher Erfolg: viele Gäste, Twitter Trending Topic Platz 2 hinter Bayern in der Champions League und erstmals auch Video-Livestreams“, resümiert Fink & Fuchs PR Vorstand Stephan Fink im Newsroom seiner Agentur den 12. Twittwoch Rhein-Main. Der fand in der vergangenen Woche am Frankfurter Flughafen statt. In den Vorträgen ging es um ein spannendes Thema: Social Media in Luft- und Raumfahrt.

Ganz wichtig am Twittwoch: W-LAN für die Twitternden.
Ganz wichtig am Twittwoch: W-LAN.

Einen passenderen Ort als das futuristisch anmutende Fraport-Forum hätten die Veranstalter, Social Media Manager Nico Kirch, Marketing Director Sascha Hüsing und Agenturvorstand Stephan Fink, für den 12. Twittwoch Rhein-Main wohl nicht finden können. Immerhin betonte ein Fraport-Vertreter, der die 120 Twittwoch-TeilnehmerInnen im Namen des Flughafenbetreibers begrüßte, die vielleicht wichtigste Grundlage der sozialen Medien sei die Vernetzung. Und die werde an fast keinem Ort in Deutschland so gelebt, wie am Frankfurter Flughafen: die infrastrukturelle des Verkehrs und die menschliche der rund 60 Millionen Fluggäste pro Jahr. Die entsprechende Geräuschkulisse durfte natürlich auch während der Vorträge nicht fehlen.

Wer mit Swarmapp am Airport eincheckt, dem kann es schon mal passieren, direkt vom Flughafenbetreiber Willkommen geheißen zu werden – zum Beispiel mit einem „Ei Gude, wie?“ auf Twitter. Dafür ist ein Communication Center Team zuständig, das rund um die Uhr arbeitet und zehn Sprachen spricht. Neben der Weltsprache Hessisch zum Beispiel Türkisch oder Spanisch.

 

 

„Wir sind da sehr flexibel in der Ansprache unserer Passagiere“, erklärt Yasmin Tuncay, Social Media Managerin bei Fraport, in ihrem Vortrag „Community Management 24/7 des Airport Hubs FRA“. Es ist der erste von dreien am Twittwoch. Die Kommunikation mit der Community geschehe „sehr live“, betont sie.  „Gerade bei Twitter nehmen wir das Feedback ernst.“ Etwa mit Passagieren, die aus dem Flugzeug twittern, wie lange es denn noch bis zum Abflug dauere. Auf die Frage aus dem Publikum, was das Communication Center Team mit Themen mache, die drohen, sich zu verselbstständigen, sagt sie, ihr Arbeitgeber habe eine Monitoring-Agentur beauftragt, um genau diese Themen früh mit zu bekommen. Gerade im Winter hat ein Flughafen viel zu tun, um den Betrieb am laufen zu halten. Stichwort: De-Icing. Wenn deshalb Flüge ausfallen, können die Gemüter schnell hochkochen. In solchen Krisensituationen müsse mit Fingerspitzengefühl von Fall zu Fall entschieden werden, ob auf jede Frage geantwortet werden könne, sagt die PRlerin.

Neben dem Team des Communication Center bespielen MitarbeiterInnen der Unternehmenskommunikation und RedakteurInnen die Social Media Kanäle der Fraport. In diesem Jahr startet das Unternehmen die Kampagne „#FRAmoments“, um die Community ­– dazu zählt das Unternehmen sowohl Reisende als auch MitarbeiterInnen – dazu zu bringen, emotionale Momente mit Fraport zu teilen, damit der Flughafenbetreiber sie wiederum weiter teilen und für das eigene Image nutzen kann.

Vorträge in´s Netz gestreamt: Kamera.
Vorträge in´s Netz gestreamt: Kamera.

 

Um’s Image ging es auch im zweiten Vortrag des Twittwochs. Bevor Carolin Biebrach begonnen hat, unter dem Titel “Die Luft hängt voller Geschichten“ über Storytelling bei der Lufthansa zu reden, hatte sie die TeilnehmerInnen gefragt, welche Attribute sie mit der Fluggesellschaft verbinden. Nachdem ihr „deutsch“ und „unentschlossen“ an den Kopf geworfen wurden, ergänzte sie selbst „altbacken“ und „kleinkariert“, um festzustellen: „Wir können so, wie wir zurzeit wahrgenommen werden, nicht mehr weiter machen.“

Statt um Transport, Technik und Transaktionen gehe es Lufthansa von nun an um Erlebnisse, Menschen und Beziehungen. Mit Storytelling sollen mit Reise verbundene Empfindungen in den Fokus der Onlinekommunikation gerückt werden. „Wir haben die Geschichten. Auch andere haben die Geschichten. Wir müssen sie erzählen“, sagt die Verantwortliche für Digital Innovations.

 

 

Auf Instagram klappt das besonders gut. Mit einem Anstieg von 28 000 auf 93 000 Abonnenten in acht Monaten habe es dort ein großes Wachstum gegeben. „Wachstum…“, raunt sofort ein Twittwoch-Teilnehmer im Publikum ironisch. Es gehe aber nicht darum, direkten Abverkauf zu generieren, sondern die Lufthansa wieder in’s „Mindset“ rein zu holen. Und zwar bei der “Lost Generation” 18- bis 35-jähriger Reisender, die die Lufthansa „nicht auf dem Schirm haben“, weil: zu altbacken, zu traditionell. Bei denen soll die Message ankommen: Hey, so langweilig, wie du denkst, sind wir gar nicht.

Dafür produziert Lufthansa Content. Und wenn Carolin Biebrach von Content spricht, meint sie oft: Videocontent. Zum Beispiel das Video „Are you Klaus-Heidi?“, das ihre schwedischen KollegInnen haben produzieren lassen. Es ist 2013 Mittelpunkt einer viralen Kampagne gewesen, die junge Menschen aus Schweden dazu aufgerufen hat, ihren Namen in den genderneutralen Namen „Klaus-Heidi“ ändern zu lassen, um ein Jahr lang von der Lufthansa ein Berliner Hipsterleben in Saus und Braus inklusive minimalistisch eingerichteter Wohnung und Rennrad finanziert zu bekommen. Der Clip hat für lautes Gelächter im Publikum gesorgt und damit bestätigt, was die Vortragende kurz zuvor behauptet hat: „Eigentlich sind wir ganz witzig.“

 

 

Die TeilnehmerInnen unterhalten hat auch der dritte und letzte Vortragende des 12. Twittwoch Rhein-Main: Andreas Schepers, Communication Officer der European Space Agency (ESA) in Darmstadt, dem „europäischen Houston“. Seine Kurzbeschreibung der europäischen Behörde, für die er arbeitet, – „wir bauen Raketen“ – steht für den simplen, witzigen Ton, in dem er rund 50 Minuten über die Onlinekommunikation der ESA gesprochen hat. Und da gab es einiges zu berichten.

 

 

2014 hätte die ESA nämlich fast das Internet kaputt gemacht. Ist es doch das Jahr gewesen, in dem die Behörde ihre Kometenmission Rosetta online live kommunizierte. Und in dem das „Space-Selfie“ des deutschen Astronauten Alexander Gerst um die Welt ging.  Schepers betont, „Astro Alex“, der auf Twitter mehr als 200 000 Follower hat, sei in erster Linie Wissenschaftler. Seine Disziplin: komplexe, schwer zu erklärende Grundlagenforschung. Trotzdem muss laut dem Communication Officer die ESA als Organisation, die Steuermittel aufwendet, den Menschen erklären, was sie macht. „Und dabei“, sagt er, „sind natürlich die sozialen Medien ein super Geschenk.“

Fotos sind im Social Web das Hauptkommunikationsmittel der ESA. Ob in hoher Auflösung bei Facebook hochgeladene Nachtbilder mit Blick auf die Erde, oder Spacies auf Twitter. Das Problem ist nur, dass es mit dem Internetzugang auf einer Raumstation so eine Sache ist. Die Station befindet sich oftmals außerhalb der Sichtweite der Telekommunikationssatelliten. „Astro Alex“ hat laut Andreas Schepers zwar einen eigenen Laptop mit an Bord. Doch das Interface von Twitter oder Facebook baue sich im Browser nicht auf. Das Netz ist in einer Raumstation nämlich, wie es der Vortragende ausdrückt, „ganz, ganz, ganz, ganz langsam.“ Die Frage, ob Alexander Gerst nun selbst getwittert habe, beantwortet der PRler mit: „Ja – per Mail.“ Der Selfies knipsende Raumfahrer habe sich sein Mailprogramm extra so eingestellt, dass nach 140 Zeichen ein Umbruch kommt.

Die Verhashtaggung oder Übersetzung der Tweets habe man oftmals in Darmstadt vorgenommen. Interessanter als Twitter ist für die ESA während Alexander Gersts Mission jedoch Facebook gewesen. Denn: „Wir haben Leute erreicht, wo wir sonst niemals unsere Message hingebracht haben.“ Auch im Zuge der Kometenmission Rosetta ist die ESA neue Wege in der Onlinekommunikation gegangen. Einen eigenen Kurzfilm mit dem Darsteller von Game of Thrones´ Littlefinger, Aidan Gillen, hat die Behörde produzieren lassen und bei einem Sci-Fi-Filmfestival in London gezeigt. Das habe sich, gemeinsam mit einer neuen, offeneren Kommunikationsstrategie, ausgezahlt: „In Großbritannien hat das eine neue Euphorie für die Raumfahrt ausgelöst“, sagt Andreas Schepers. Was wiederum dazu geführt habe, dass einige Mitgliedsstaaten zur Finanzierung der europäischen Behörde ESA tiefer in den Geldbeutel gegriffen haben.

 

 

Wie wichtig das richtige Timing für den Erfolg eines Postings sein kann, hatte schon Carolin Biebrach am Beispiel eines Fotos der deutschen Elf verdeutlicht. Die ESA zeigt, wie fatal sich ein falscher Zeitpunkt auswirken kann: Ausgerechnet für den Tag, an dem Rosetta auf einem Kometen landen wollte, hatte sich Kim Kardashian vorgenommen, mit ihrem entblößten, gephotoshopten Hinterteil das Internet „kaputt zu machen“. Hat nicht geklappt. Stattdessen hat das Internet die Sonde der ESA per Fotocollage auf dem Po der Promi-Dame platziert. Da kann Andreas Schepers nur sagen: „Sorry, Kim.“

Vernetzt: Twittwoch-TeilnehmerInnen diskutieren die Landung der ESA-Sonde auf Kim Kardashians Hinterteil.
Vernetzt: Twittwoch-TeilnehmerInnen.

 

Noch ein wenig Bretzeln, Cola und Vernetzung nach dem dritten Vortrag und der kurzweilige Twittwoch am Frankfurter Flughafen ist schon wieder vorbei gewesen. Das nächste Mal wird er am 15. April um 18 Uhr wieder in Frankfurt stattfinden. An welchem Ort sich getroffen wird, steht laut Veranstalter Sascha Hüsing allerdings noch nicht fest.

Von Julia Anna Moor und Tom Weimar

Fotos: Tom Weimar

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Fans raus! Die Fußball-Bundesliga und Facebook (I)

Nürnberg lässt gravierende Beleidigungen in seiner Timeline stehen, und Gladbach möchte sogar Fans rausschmeißen – die Bundesliga-Vereine und Facebook sind noch nicht die besten Freunde. Was häufig fehlt, sind ein strategischer Ansatz und Antworten auf Fragen der Fans.

„Letzter Platz für Bundesliga im Social Web“, titelte das Medienhandbuch Sport vor kurzem passenderweise, aber etwas zu reißerisch. Was sich im ersten Moment dramatisch anhört, war letztlich ein quantitativer Vergleich der Topligen Europas – und da landet die Fußball-Bundesliga laut einer Studie der „Triumph Media Group“ auf Platz fünf hinter England, Spanien, Italien und Frankreich. Die deutschen Vereine haben demnach rund 1,3 Millionen Facebook-Fans, England und Spanien hingegen jeweils mehr als das Zehnfache. Wie sich dies auf die offiziellen Vereins-Accounts verteilt, ist am Ende dieses Artikels in einer Tabelle gelistet.

Dieser Vergleich sagt jedoch nichts über die Qualität der Kommunikation aus – und an genau der hapert es an verschiedenen Stellen. Wie kommunizieren die Vereine und welchen Ton schlagen sie dabei an? Gehen sie auf Fanfragen ein? Löschen sie Spam und Beleidigungen? Dies sind Kriterien, an denen sich funktionierendes Community-Management messen lässt.

16 Vereine haben ein eigenes Profil. Der SC Freiburg gehört aktuell noch nicht dazu, plant dies aber für Anfang des Jahres ein, „natürlich im Rahmen eines kleinen Vereins, der von einer sehr schlanken Verwaltung mit überschaubaren Ausgaben geprägt ist“, sagt Kommunikationsleiter Rudi Raschke. Schalke 04 hingegen verzichtet bewusst auf einen eigenen Auftritt.

Irgendwas mit Social Media

Um es vorwegzunehmen: Wirklich überragend ist keine Vereinspage, viele Angebote ähneln sich stark. Typisch sind ein durchweg recht hoher Output, angeteaserte Webseitentexte (mal gut, mal weniger), Liveticker während der Spiele und Bilder vom Training und Trainingslager. Genauso typisch ist auch, dass auf Fanfragen (beispielsweise nach Autogrammkarten oder zum Kauf von Karten) in der Regel nicht eingegangen wird. Eine Ausnahme bildet der 1. FC Nürnberg, der es dafür aber nicht schafft, teils gravierende Beleidigungen nach über einer Woche zu löschen:

Beleidigungen auf Nürnbergs Facebook-Profil

In all diesen Fällen dürfte das fehlende Monitoring an mangelnden internen Ressourcen liegen. Wie man souverän auf solche Probleme reagiert, ist bei Thomas Hutter nachzulesen.

Auffällig vor allem ist, dass es bei Kaiserslautern, Hamburg, Mainz und Leverkusen nicht möglich ist, als Fan eigene Beiträge zu verfassen. Gerade bei letzterem mutet dies doch unfreiwillig komisch an, da der Verein laut Kommunikationschef Meinolf Spring „die Interaktion mit unseren Fans weiter verstärken“ will. Da es bei Facebook allerdings Grundeinstellung ist, dass Fans keine eigenen Beiträge schreiben können, wäre es möglich, dass darüber nicht nachgedacht wurde. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Vereine bewusst vorsichtig agieren, um zu verhindern, dass sie mit Kommentaren aus Kapazitätsgründen nicht zu Recht kommen.

Solch ein Reflex ist typisch. Eine internationale Studie hat gezeigt, dass es den 50 größten Weltmarken schwer fällt, von Monolog auf Dialog zu schalten. Marcel Bernet rät Unternehmen, die Community-Management aus verschiedenen Gründen nicht leisten können oder wollen, im Zweifel lieber auf einen Facebook-Auftritt zu verzichten:

Auf die Gefahr hin, dass ich als romantischer Social-Media-Guru tituliert werde: Wer auf dieser Plattform nur Promotion machen will, lässt es besser bleiben. Ja, die Fans lieben Sonderangebote – aber bitte nicht gleich verschwinden, wenn es mal ruppig zu und her geht. Einen Facebook-Auftritt gestalten heisst, eine neue Gesprächsform zu erlernen. Man muss – wie bei jedem Social Media Engagement – bereit sein,
– Fragen zu stellen
– Fragen schnell zu beantworten
– sich Kritiken zu stellen
– Spam von der Pinnwand wegzulöschen

Das alles bedingt Ressourcen. Und die Möglichkeit, in Krisensituationen schnell zusätzliche Personen abzurufen fürs Monitoring, Antworten, Ausdehnen der Servicezeiten. Wer das Gespräch nicht aufnimmt, hat Facebook nicht richtig verstanden. Und ist damit auch nicht wirklich fit für mehr Kundennähe im Netz, ganz generell.

Bei vielen Vereinen verfestigt sich so der Eindruck, dass der Zwang, „schnell etwas mit Social Media machen zu müssen“ größer ist, als die Vernunft, dies strategisch zu durchdenken. Auch Bayern München, mit mittlerweile 600.000 Fans mit Abstand Primus in der Bundesliga-Rangliste, schafft es lediglich, die Webseiten-Texte einfließen zu lassen. Dies hat zur Folge, dass mal deutsche, mal englische und mal zweisprachige Texte zu lesen sind. Darüber hinausgehender Mehrwert? Fehlanzeige. Wie es anders geht, zeigt etwa Real Madrid, dersportmanager hat es bereits letzten Sommer beschrieben:

„Auffallend ist auch, dass Real Madrid nicht versucht den Fans über die Pinnwand immer wieder aufs Neue Trikots oder Tickets anzudrehen. Nein, vielmehr werden den Fans echte Mehrwerte präsentiert. In der „Off-Season“ wird die Weltmeisterschaft genutzt und den Fans Exklusiv-Interviews mit Reals Spielern bei der WM präsentiert.“

Optimierungsbedarf hat auch der Auftritt von Eintracht Frankfurt, der auf den ersten Blick als solcher gar nicht klar erkenntlich ist. Zwar sprechen die hohe Follower-Zahl von knapp 100.000 (welche eine private Schalke-Fanpage auch hat) und eine hinterlegte kostenlose Servicenummer dafür, doch alleine ein prominent platzierter Satz in der Bio hinterlässt Zweifel:

„become a fan of Eintracht and the Club’s logo will display on your Profile!!!!“

Verstärkt wurden diese durch den Pressespiegel, den die Eintracht regelmäßig veröffentlicht. Ein unter den Bundesliga-Vereinen seltener Mehrwert, den ansonsten nur der 1. FC Nürnberg bietet. Jan Schneider, Leiter der „Neuen Medien“, räumte letztlich die Zweifel auf Anfrage aus.

Wie Gewinnspiele über Facebook nicht funktionieren, zeigen ebenfalls die Frankfurter, die erst kurz vor Ablauf der Teilnahmefrist erklärten, dass die Lösungen nicht unterhalb der Frage gepostet werden sollen:

Facebook-Gewinnspiel von Eintracht Frankfurt

Die magische 100.000-Grenze

Für einige Vereine scheint die Anzahl der Fans der einzig relevante Indikator gelungener Arbeit zu sein. Auf den vorderen Rängen gab es gar ein lustiges Hauen und Stechen darum, wer nach den Münchner Bayern als erstes die 100.000-Marke erreicht: „Wir sind 90.000! Nun lasst uns zusammen 100.000 werden und das Bundesliga-Spitzenduo Bayern und Stuttgart bei Facebook angreifen. Ladet dazu einfach Eure Freunde hier zur Fanpage über den „Freunden vorschlagen“-Button ein. Come on, FC!“, hieß es beim 1. FC Köln, „Wir sind kurz davor die 100.000er Marke zu knacken! Gebt nochmal VOLLGAS und holt alle Borussen mit ins Boot!“, postete Borussia Dortmund, um zwei Wochen später Vollzug zu melden: „Champions League! 120.000 Fans auf facebook bedeuten Platz 2 hinter Bayern und jetzt vor dem VfB Stuttgart!“

Etwas bescheidener und weniger euphorisch, dafür als Gewinnspiel ging es beim VfL Wolfsburg zu: „Die 7500-Marke ist geknackt! Wie versprochen, werden wir heute im Laufe des Tages einen Gewinner bekanntgeben, der sich über ein handsigniertes Trikot seines VfL-Lieblingsspielers freuen kann.“

Warum Borussia Mönchengladbach seine Fans „rausschmeißen“ möchte, Schalke 04 keine eigene Fanpage hat, aber Hauptsponsor Gazprom dies übernimmt, eine unabhängige S04-Fanpage alle anderen um Längen schlägt und welche Kuriositäten die Bundesligisten sonst noch zu bieten haben, gibt es morgen an gleicher Stelle zu lesen.

Quantitativer Vergleich der Bundesligisten auf Facebook:

Verein FB-Freunde Stand 8.9.10* FB-Freunde Stand 17.12.10 FB-Freunde Stand 20.1.11 Wachstum Dez > Jan in Prozent
Bayern München 175.840 421.668 599.065 42,01
Borussia Dortmund 3.498 93.467 146.374 56,61
Werder Bremen** 98.105 127.402 29,86
VfB Stuttgart 77.830 111.635 126.868 13,65
1. FC Köln 57.016 92.791 109.444 17,95
Hamburger SV 52.564 86.018 91.118 5,93
Eintracht Frankfurt** 80.440 89.234 10,93
1. FC Nürnberg 19.916 36.100 38,554 6,8
1. FC Kaiserslautern 21.193 28.291 35.616 25,89
Hannover 96 15.017 27.030 30.013 11,04
Borussia Mönchengladbach 14.474 23.591 25.830 9,49
FC St. Pauli 8.126 12.116 12.692 4,75
VfL Wolfsburg 3.540 6.553 7.855 19,87
Mainz 05** 6.180 6.715 8,66
Bayer Leverkusen** 5,102 5,887 15,39
TSG Hoffenheim** 2.987 3.601 20.56
Außer Konkurrenz***:
Schalke-Fanpage**** 67.273 99.345 47,68
Schalke-Fanpage Gazprom***** 6.248 8.106 29,74

* Quelle: Horizont (nur als Premium-User einsehbar; Artikel veröffentlicht in der Ausgabe 39/2010)
** noch keine Fanpage zu diesem Zeitpunkt
*** keine offiziellen Vereins-Accounts
**** private Fanpage
***** Fanpage des Sponsors Gazprom

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