Fake-Accounts in Unternehmen: Wer ist Lena Berger?

Social Media, so die Verheißung, bringt dem Kunden endlich die Menschen hinter dem Firmenlogo näher. Schnöde Kontaktformulare und generische E-Mail-Adressen hinter sich lassend, gibt sich der moderne Mitarbeiter mit seinem Namen, Bild und Durchwahl zu erkennen.

Im Recruiting ist die menschliche Ansprache fast noch wichtiger. Firmen mit Personalbedarf durchsuchen Business-Netzwerke wie Xing nach geeigneten Kandidaten, um sie direkt anzusprechen. Das klingt dann etwa so:

Hallo Herr Riechers,

ich habe gesehen, dass Ihr Profil sehr gut auf die von uns angebotene Tätigkeit als Reiseautor passt und erlaube mir daher Sie anzuschreiben. Besonders Ihre Erfahrungen im Online-Journalismus sowie Ihr Interesse für Reisen waren hierfür ausschlaggebend.

Ein Traum. Da kommt ein Unternehmen, besser noch: eine Mitarbeiterin mit Personalverantwortung, auf mich zu und will mir einen Job verschaffen. Selbst auf meinen Lebenslauf und meine Qualifikation ist sie eingegangen. Auch wenn der Hauptteil natürlich Part eines Massenmailings ist, ist es persönlicher als ein Aushang beim Arbeitsamt.

Wenn ich noch Fragen habe, kann ich mich an sie oder ihre Kollegen wenden. Zum Schluss grüßt sie mich recht herzlich und unterzeichnet mit ihrem Namen: Lena Berger*.

Ihr Photo steht gleich links oberhalb der Nachricht und – soviel Ehrlichkeit muss sein – sie sieht ganz passabel aus. Richtig gut sogar. Sie könnte glatt ein Modell sein. Sie ist ein Modell.

Die Dame ist nicht Lena Berger.

Da ihr Profilbild ein Stück zu sehr nach Hochglanz und Photostudio riecht, fragen wir jemanden, der sich damit auskennt: TinEye. Die Suchmaschine versteht sich darauf, von Bildern Kopien und Abwandlungen zu finden. In Sachen Frau Berger ist TinEye durchaus gesprächig (siehe nebenstehenden Screenshot; die TinEye-Ergebnisse und Links sind 72 Stunden gültig, und können beispielsweise mit dieser istock-Datei neu erzeugt werden).

Über sechs Ecken kennt Jeder Jeden (sic!)”, sagt Uwe Frers. Er ist der Chef von Lena Berger und Geschäftsführer der Tripsbytips GmbH, eine 2006 gegründete Reisecommunity. Das mit den sechs Ecken scheint bisher gut geklappt zu haben, zumindest rekrutierte Tripsbytips viele junge Menschen für das Berliner Büro.

Nur Lena ist unauffindbar. Oder waren diese ganzen jungen Menschen alle einmal Lena? Gerade Startups sind von einer hohen Fluktuation innerhalb der Belegschaft betroffen, da Praktikanten oft ungern länger als ein halbes Jahr bleiben wollen. Dem Kunden trotzdem eine Konstante zu bieten – das geht dann nicht. Oder eben doch. Vor allem bei Internetunternehmen reicht es oft, jegliche Korrespondenz in schriftlicher Form abzuwickeln und auch per Telefon ist kein Problem. Kaum einer wird zwei Mal pro Woche bei Lena Berger anrufen und sich so ihre Stimme merken. Ein Kundenkontakt im realen Leben ist nicht vorgesehen. Auch für Kollegin Sara Maier dürfte es bei einem persönlichen Treffen schwierig werden.

Was soll all das? Wieso spielt ein Unternehmen eine Belegschaft vor, die es nicht gibt? Fragen, die eigentlich Nina Franke beantworten müsste – schließlich ist sie Personalreferentin bei Myprinting. Nunja.

Der Grund sei “pragmatischer Natur”, sagt Frers auf Anfrage und gibt sich offen:

“[W]ir verwenden XING zur Suche von potentiellen Freelancern und festen Mitarbeitern. Da diese Suchen teilweise auch von Praktikanten durchgeführt werden und selbige keine suchfähigen Pro-Accounts besitzen, verwenden wir Lena Berger als neutrales Suchprofil, auf das jeder aus dem Team zugreifen kann.”

Doch auch bei Tripsbytips bleibt es eben nicht nur bei der Suche. Die Praktikanten-Lenas sprechen die Kandidaten eben auch über diese falsche Identität an. Die Täuschung klappt vor allem bei Xing so gut, weil die Plattform bisher durch Fake-Accounts so gut wie nicht aufgefallen ist. Dass Xing dieses Verfahren ausdrücklich missbilligt, lässt sich in den AGB nachlesen:

4. Pflichten des Nutzers

4.1 Der Nutzer ist verpflichtet,

4.1.1 ausschließlich wahre und nicht irreführende Angaben in seinem Profil und seiner Kommunikation mit anderen Nutzern zu machen und keine Pseudonyme oder Künstlernamen zu verwenden,

4.1.2 nur solche Fotos seiner Person an die XING-Websites zu übermitteln, die den Nutzer klar und deutlich erkennen lassen. Der Nutzer stellt sicher, dass die öffentliche Wiedergabe der von ihm übermittelten Fotos auf den XING-Websites erlaubt ist. Die Übermittlung von Fotos oder Abbildungen anderer oder nicht existierender Personen oder anderer Wesen (Tiere, Fantasiewesen etc.) ist nicht gestattet.

Das aber dürfte nur wenige aufhalten, und ein AGB-Häkchen ist leicht gesetzt, vor allem bei den kostenlosen Mitgliedschaften. Im Umkehrschluss könnte man also meinen, dass zumindest bei zahlenden Premiummitgliedern die Wahrscheinlichkeit von Fake-Profilen tendenziell geringer ausfallen müsste.

Müsste. Denn dass selbst diese Kosten nicht gescheut werden, demonstriert das Beispiel der Myprinting GmbH aus München. Deren Mitarbeiterin Stefanie Hofmann lädt zur Diskussion in die “Medialounge Berlin„. Selbstbeschreibung auf Xing:

„Die Media Lounge findet quartalsweise zum offline NETTworken statt. Letztendlich steht hinter jedem Medium der Mensch. Und dieser lebt von Kommunikation.“

Stefanie Hofmann dürften die Teilnehmer dieser Gruppe nie zu Gesicht bekommen haben, trotzdem fungiert sie gar als Moderatorin.

Und damit ist sie in guter Gesellschaft. Die Kollegin Annette Schwarz darf ebenfalls eine Gruppe moderieren, das Pendant der Medialounge im Norden.

Myprinting-Geschäftsführer Johannis Hatt ist all dies nicht bekannt. Wer oder was dahinterstecke, ob „Freund/Feind – intern/extern“ – er wisse nichts. An Xing habe er nun eine Anfrage gestellt, um herauszufinden, wer das Profil angelegt hat. Das dürfte mit Hilfe der hinterlegten Kontodaten für den Premiumaccount nicht schwierig sein, doch auch über eine Woche nach der ersten Anfrage liegen Hatt keine neuen Informationen vor.

Sollte sich bei einem Kunden oder anderen Stakeholdern der Verdacht erhärten, Myprinting spiele mit falschen Identitäten, würde eine Marke in Mitleidenschaft gezogen, die ganz andere Dimensionen aufweist: HP.

Zwar sind Myprinting und die HP-Tochter Snapfish zwei eigenständige Entitäten, doch wird das selbst für den interessierten Laien nur schwer klar, führen doch Corporate Links wie Kundenservice und Über uns auf Snapfishseiten und das Impressum sogar direkt zu HP. Eine Snapfish-Sprecherin aber bestätigt: “Die Partnerschaft von myprinting und Snapfish ist […] eher vertrieblicher Art.”

Kunden brauchen, so scheint es, eine Konstante, auch wenn der Personalapparat dies gar nicht zulässt. Ob sich die Umworbenen im Schein der Hochglanz-Stockphotos heimelig fühlen oder eher Misstrauen hegen, wird vom Einzelfall abhängen. Je akribischer ein Profil aufgebaut und je persönlicher die Kommunikation mit eben jenem abläuft, desto weniger Verdacht wird der gemeine Kunde aber vermutlich schöpfen. In einer Social-Media-Welt, in der es den Unternehmen immer mehr um Vetrauensaufbau geht, kann eine solche Kundenverblendung jedoch schnell ins Gegenteil umschlagen.

Denn selbst die Profis des perfekten Alibis machen hin und wieder Fehler.

* Nach einem ersten Kontakt und Konfrontation mit dem Fake-Bild wurde das Originalphoto kommentarlos ausgetauscht.

zu den Kommentaren

Kommentare

  • schöner beitrag – endlich mal nachvollzieh- und prüfbar aufbereitet, was wir insgeheim sowieso alle schon wussten…

  • Was ist mit den anderen Fake Profilen in Briefen? Z.B. Sarah xyz bei Sixt, Melanie Hansen bei Blau, bei Vodafone usw. – sind solche offline Fakeprofile eigentlich nicht noch viel verwerflicher weil sie für das gesamte Unternehmen stehen auf Unternehmenswerbung, wobei eine OnlineIdendität vergleichsweise leichter zu fälschen ist?

  • Kersten A. RiechersNo Gravatar says:

    Danke für eure Rückmeldungen!

    @jke Das mit den Offline-Menschen ist natürlich so eine Sache. Ich persönlich erwarte bei einer Sixt-Anzeige nicht, dass die Dame aus der Werbung mich beim Sixt-Schalter am Flughafen auch bedient.

    Der jahrelang Einsatz von Testimonials ist natürlich aber ein Indiz dafür, dass vermutlich viele Menschen sich gerne vorstellen möchten, dass der Schumacher wirklich zuhause Rosbacher trinkt. Mir ist das relativ egal.

    Schumacher spricht mich aber auch nicht persönlich an und bietet mir einen Job an, oder moderiert meine Kommentare in einem Xing-Forum.

    Wenn aber ähnliche Anschreiben (vor allem im Kundenservice) per Brief mit falscher Identität getätigt wird, macht es für mich keinen Unterschied – das erscheint mir dann online wie offline recht schwierig.

  • Kann es sein, dass Lena Berger jetzt ein neues Foto hat? Und das neue finde ich mit TinEye nicht, da haben sie dann wohl aufgepasst.

  • Kersten A. RiechersNo Gravatar says:

    Hallo Tim,

    in der Tat ist das Photo ausgetauscht worden, allerdings nicht erst seit Erscheinen meines Artikels, sondern nach der ersten Anfrage (siehe Sternchen oben im Text)

    Da der Geschäftsführer ja aber zugibt, dass das Profil nicht echt ist, ist klar, dass auch das Stockmaterial sein muss.

  • Nicole SimonNo Gravatar says:

    Das Problem sehe ich eher bei den Betreibern einer solchen Plattform, die rigeros ‚Funktionsprofile‘ verbieten wollen, weil sie der Meinung sind, nur echte Menschen sollen dort stehen.

    Die Realität von Unternehmen sieht anders aus. Da gibt es eben keine Lena Berger, sondern ein Team, meinetwegen auch von Praktikanten, die gewisse Aufgaben erledigen sollen und müssen.

    Man wechselt halt nicht alle zwei Monate eine Mitgliedschaft für die Verwaltung einer Gruppe aus, das schafft Irritation bei der Gemeinde wenn in Wirklichkeit es nur um verwaltende Funktionen gibt. Das gleiche ist die Aussage zum Beispiel von Linkedin, sie hätten so viele aktive Führungskräfte in ihrer Plattform. Falsch: Sie haben Sekretariate, die die Logins haben. Nicht weil man es will, sondern weil die Plattform einen dazu zwingt.

    Verwendet man das ehrliche und transparente „Hier steht zwar Name Chefin drauf aber Mitarbeiter schreibt“ risikiert man kommentarlose Account-Suspendierung. Also beginnt man, eine Story zu erzählen, um es konsistent zu halten anstatt ehrlich sein zu können.

    Facebook zum Beispiel löscht Profile und zwingt somit Menschen zur Entscheidung ob man seinen Job behalten will oder ob man Facebook privat nutzen möchte. Und nein, die bestehenden Privacy-Einstellungen sind kein Ersatz für eine vernünftige Trennung der Daten. Der Umgang mit Listen ist so arbeitsaufwendig, daß es eine Zumutung ist.

    Trotzdem gibt es einen Punkt in diesem Artikel der wahr ist: Es gibt einen Zeitpunkt, an dem die ‚ich bin Lena‘-Phase aufhören muß und die wahre Person erscheinen muss. Übrigens sind diese Profile immer weiblich und nie männlich – weil man dann auch eher hinnimmt, daß die Sekretärin / Chef Funktionalität erfolgt.

  • Pingback:Linktipps #12
  • Ed WohfahrtNo Gravatar says:

    Vorweg. Ich kenne Uwe Frers und schätze in sehr. Leider macht seine Agentur hier keinen allzu schlanken Fuß. Es ist völlig klar, dass Ansprechpartner wechseln und Sekkies Xing und Linked-In Profile betreuen. Das ist nunmal die Realität. Aber bitte machen wir doch mal einen Schritt zurück. Welche Chancen bieten uns soziale Medien? Ist allseits bekannt. Ja dann möchte ich aber auch fragen, ob sich diese Ziele erreichen lassen, wenn wir unsere Blogs der PR-Agentur, die Facebook Pages externen Consultants, Twitter dem von zu Hause aus arbeitenden Studi und das Xing Profil der Chefsektretärin „umhängen“. Ich weiß, dies geschieht nicht aus Bösartigkeit sondern aufgrund der bestehenden und allseits bekannten Zwänge (Zeitbudget). Was kommt dabei heraus? Meiner Erfahrung nach a) halbseidene Gespräche, weil ich eben nicht mit dem Chef spreche sondern mit jemandem hinter seinem Profil, der mit vielerlei Fragen gar nicht beantworten kann oder darf b) Fehler, weil externe Dienstleister nie und nimmer so nah am Geschehen sein können, wie es die Echtzeit-Medien des Social Web erfordern. Siehe das jüngste Beispiel von Chrysler und c) Frust beim Kunden, der irgendwann drauf kommt, dass er nicht mit dem vermeintlichen Ansprechpartner geredet hatte sondern mit einer Vertretung, dass er einer Farce aufgesessen ist, dass er – sorry, aber genau so fühle ich mich in diesem Fall, verarscht wurde. Als absoluten Witz, ja als Bevormundung meines Gesprächspartners empfinde ich es, wenn dieser dann von sich aus sagt, jetzt finde ich es angemessen / jetzt gebe ich mich halt zu erkennen wer ich wirklich bin. Ja wie krass ist das denn?! Und jetzt zurück zur eingangs gestellten Fragte: Wozu Social Media Unternehmen nutzen können. Wie viel Potential schöpfen wir wohl aus, wenn wir unsere Accounts nicht selbst betreuen..?

  • Daniela A. CavigliaNo Gravatar says:

    Kann es sein, dass die verlinkten, falschen Profile gelöscht wurden? War das Xing oder die Unternehmen selbst?

  • Kersten A. RiechersNo Gravatar says:

    In der Tat wurden die meisten Profile mittlerweile gelöscht, zumindest von Seitens Myprinting wurde mir dies bestätigt.

    Derzeit warte ich noch auf eine Antwort von offizieller Xing-Seite.

    Dann gibt es die Tage mal ein Update!

  • Das mit den unendlichen Fakeprofilen auf XING, wo „echte“ User dahinter manchmal nur noch mit sich selber schreiben, ist ein alter Hut! Natürlich war ich damals vor einigen Jahren überrascht als ich es herausfand. Denn, XING traute man einige Zeit zu, dass dort alle Personen/Profile authentisch sind. Schaut man sich das berühmte Wortwerk in XING an, durchschaut man es natürlich mit dem heutigen Wissen direkt. Die Bilder sprechen schon für sich, wie auch die (manchmal „codierten“) Mobbing-Attacken. Die Profile wenden untereinander eine Art Geheimsprache an. Kein „echter“ User würde sich jemals öffentlich so verhalten.
    Schade, denn die Grundidee von XING war vom Grundgedanken her mal auf den Punkt.
    Wäre ich einer der Entscheider im Hause XING, würde ich den Fakes keinen Raum einräumen und darauf bestehen, dass ein Fake-Check stattfindet. Und dann weg mit all den Plattformen innerhalb XINGs, die nichts mit beruflichem Networking zu tun haben.
    Von daher: weiter Finger Weg von XING, so mein Fazit.

Comments are closed.