PR-Fundsachen

PR-Studenten der Hochschule Darmstadt über Public Relations und Social Media

Amnesty International, DaWanda und ihr äußerst grausames Spiel

Mittels Crowdsourcing rekrutiert Amnesty International zurzeit die Näherinnen Deutschlands, um sich für eine für 2012 geplante Kampagne zu rüsten.

Über das Blog des Online-Shops DaWanda rief die Menschenrechtsorganisation zum gemeinsamen Basteln des “äußerst grausamen Spiels” auf: Eine kleine Puppe inklusive Nadeln und eine Reinstech-Anleitung. Was aussieht wie eine Voodoo-Puppe ist ein Aufruf gegen die Gewalt gegen Frauen in der Welt.

Weiterlesen »

Greenpeace: Mit Ken und Social-Media gegen Mattel

Greenpeace ist gegründet worden, weil die gebrechliche Erde eine Stimme verdient. So beschreibt sich die Umweltorganisation auf Facebook. Diese Stimme nutzte sie bei der Kampagne gegen Mattel mithilfe von Social-Media zuletzt sehr erfolgreich. Hintergrund der Aktion gegen den Spielzeughersteller waren die Verpackungsmaterialien für die Barbie. Für das Einpacken der Puppe wurden Bäume im indonesischen Regenwald gerodet, dem bedrohten Lebensraum von Sumatra Tigern und Orang-Utans.

Weiterlesen »

Rebellion der Umweltschützer

Was haben ein kleiner Junge aus einem VW-Werbespot und die rechte Hand des Imperators, Darth Vader, aus der sechsteiligen Science-Fiction-Saga Star Wars von George Lucas gemeinsam? Sie tragen das gleiche Kostüm. Der „Mini-Vader“ trägt sicher dazu bei, dass das Werbevideo „The Force“ von VW auf You Tube seit dem 2. Februar dieses Jahres bereits über 41 Millionen Mal geklickt wurde. So kommentiert ein User auf You Tube, das Video sei lustig und süß zugleich. Andere behaupten gar, es sei das beste Werbevideo aller Zeiten. Der Erfolg des Clips, der den VW Passat bewirbt und erstmalig im Programm des Super Bowls ausgestrahlt wurde, ist aber nicht gänzlich hausgemacht. Denn VW greift auf Elemente aus der Star Wars Filmreihe zurück. So wird für den Werbefilm nicht nur das Kostüm des Bösewichts Darth Vader in Kindergröße verwendet, auch ein Stück mit dem Namen „The Imperial March“ aus der Filmmusik, die von John Williams komponiert wurde, ist zu hören. Die Attribute witzig und süß paaren sich also mit Elementen des finanziell erfolgreichsten Filmprojekts aller Zeiten.  Zu diesem Urteil kam zumindest das Forbes Magazin im Jahre 2005. Es schätze die Einnahmen, die durch Star Wars Merchandising Produkte in einem Zeitraum von 28 Jahren erwirtschaftet wurden, auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Macht also das finanziell erfolgreichste Filmprojekt aller Zeiten den VW-Werbespot ebenso erfolgreich? VW jedenfalls hat sich die Lizenzen von der Lucasfilm Ltd. gesichert und vermutlich einiges Kosten lassen.

Volle Breitseite

Der Erfolg des VW-Spots wird die Lizenzkosten amortisieren und selbst die Umweltorganisation Greenpeace sagt, dass der Spot gut gemacht, witzig und niedlich sei. Trotzdem ist man der Meinung gewesen, dass der epische Stoff aus Star Wars viel besser zu dem passe, „was Volkswagen mit unserem Planeten geschehen lässt.“ Der Prolog zu einer ausgeklügelten viralen Kampagne. Bei Greenpeace Großbritannien fackelte man also nicht lange und machte sogleich aus dem „epischen Star Wars Stoff“ etwas, das man als volle Breitseite verstehen kann. Gleichzeitig feuerten die Umweltschützer Ende Mai dieses Jahres alle Social-Media-Geschütze auf VW ab und starteten in Anlehnung an die Star Wars Saga eine Rebellion gegen das dunkle VW-Imperium. So veröffentlichten sie ihrerseits ein Video, das nicht nur durch die originale Filmmusik an Star Wars erinnert. In diesem Beitrag mit dem Titel: „VW: The Dark Side“ taucht wieder ein kleines Kind im Darth Vader Kostüm auf, bekommt aber schnell Gesellschaft von weiteren kleinen Helden aus der Star Wars Filmreihe. Gemeinsam versuchen sie den Mini-Vader zu bekehren. Schließlich erscheint aber der Todesstern im Orbit, ein mächtiges Raumschiff, das ganze Planeten zerstören kann. Es feuert seinen alles vernichtenden Laserstrahl auf die Erde ab. Damit endet der Spot. Pikant ist – auf dem Raumschiff prangt das Firmenlogo von VW. Zu sehen ist der Spot auf der Webseite der Kampagne sowie auf den Videoportalen You Tube und Vimeo. Er erfreute sich höchster Beliebtheit und fand seine Fortsetzung in einem zweiten Video (VW: The Dark Side – Episode II).

Um die Kampagne weiter bekannt zu machen, wollte man bei Greenpeace aber nicht allein auf die Videoclips setzen. Sprich: Jeder Nutzer, der sich auf der Kampagnenseite registriert, darf an einem “Spezialtraining” teilnehmen. Dazu erhält er eine eigene Seite innerhalb der Kampagnenseite. Beim Einladen von Freunden, die sich dann auf der offiziellen Seite registrieren, erhält der Nutzer Punkte. Beim Erreichen der maximalen Punktzahl winkt ein gratis Shirt von Greenpeace. Mittlerweile haben sich über 300.000 Nutzer auf der Seite registriert, was wohl auch zwei weiteren Auftritten im Netz geschuldet ist. Sowohl auf Facebook als auch auf Twitter ging Greenpeace in die Offensive.

Die Kampagne begründet Wolfgang Lohbeck, Klima- und Verkehrsexperte bei Greenpeace folgendermaßen: “Entgegen seiner öffentlichen Selbstdarstellung und trotz seines überragenden Potentials hat VW ein schwaches umweltpolitisches Profil.“ Der Konzern müsse “Farbe bekennen und scharfe CO2-Grenzwerte unterstützen”. Außerdem bemängelt die Organisation, dass von den sparsamsten Modellen bei VW nur marginale Stückzahlen abgesetzt würden. Diese seien auch nur zu einem Aufpreis von rund 1.000 Euro im Vergleich zu ihren Pendants ohne die Spartechnik „Blue Motion“ zu erwerben. Die Käufer würden daher eher zu den Modellen greifen, die die Umwelt mit höheren Emissionswerten belasten. Auf der sozialen Plattform Scribd schildert Greenpeace die Vorwürfe gegenüber VW ausführlich.

“Victory for Internet freedom!“

Die Kampagne war gerade angelaufen, da schien sie auch schon wieder gestorben zu sein. Denn vom 31. Mai auf den 1. Juli dieses Jahres wurden die Videos durch die Lucasfilm Ltd. auf der Kampagneseite, auf Vimeo und You Tube gesperrt. Auf You Tube wurde gar der gesamte Greenpeace Kanal vom Netz genommen und folgende Meldung war zu lesen: „Das YouTube-Konto GreenpeaceVideo [!] wurde gekündigt, weil wir von Drittparteien mehrere Benachrichtigungen über Urheberrechtsverletzungen erhalten haben. Zu den Beschwerdeführern gehören: Lucasfilm Ltd.“ Auf Vimeo erfuhr man ähnliches: “Sorry, “VW: The Dark Side” was deleted at 12:10:45 Fri Jul 1, 2011. Vimeo has removed or disabled access to the following material as a result of a third-party notification by Lucasfilm Ltd. claiming that this material is infringing: VW: The Dark Side. We have no more information about it on our mainframe or elsewhere.”

Ein herber Rückschlag für Greenpeace. Hatte man etwa darauf gesetzt, dass Lucas im Namen des Umweltschutzes keine Ansprüche auf Lizenzgebühren erheben würde? Wenn ja, dann war das mehr als blauäugig, geradezu dilettantisch. Einerseits wurde das Vorgehen von Greenpeace in der Netzwelt belächelt. Andererseits entfachten sich auch recht schnell Diskussionen über Grundrechte in Deutschland. Beispielsweise schrieb ein verärgerter User auf Netzpolitik.org: „Das is doch krass!! Da wohnen wir in einem Rechtsstaad wo es Pressefreiheit und so weiter gibt. Und dann pasiert sowas das is doch zensur puur!!“ Andere dachten hingegen in eine ganz andere Richtung: „Ich glaube Greenpeace hat Lucasfilm den Hinweis selbst gegeben – besser konnten die den Bekanntheitsgrad nicht erhöhen… ;-) .“
Worauf dieser User anspielt, ist der sogenannte Streisand-Effekt. Nach der Wikipedia tritt er auf, „wenn durch den Versuch, eine Information zu unterdrücken, genau das Gegenteil erreicht wird, nämlich die Information besonders bekannt gemacht wird.“

Und dass sich die Videos trotz der Sperrung hartnäckig im Netz verbreiteten, spricht für diese Theorie. Der Virus hatte also bereits um sich gegriffen, drohte aber dennoch an dem Verbot zu verenden. Waren doch die Clips auf den bekanntesten Videoportalen, die Flaggschiffe der Kampagne. Greenpeace wandte sich daher am 1. Juli in einem Brief umgehend an You Tube, um eine Freischaltung des Kanals zu fordern. Da es sich bei den Videos um eine Parodie, des VW Spots handele, habe man keine Gesetze verletzt, so die Meinung der Rechtsabteilung der Organisation. So konnte man zumindest die Freischaltung des Greenpeace Kanals auf Youtube am 3. Juli erwirken. Knapp zweieinhalb Wochen später, am 20. Juli dieses Jahres wurden sogar die Videos der Kampagne wieder freigegeben. Auf allen Kanälen wurde diese Nachricht euphorisch verbreitet. Auf der Facebook Seite konnte man lesen: “Victory for Internet freedom! Our Volkswagen film has been unblocked on YouTube. After two weeks of censorship, it’s now available again for all to see.”

Von Gewinnern und Gewinnern

Manche mögen denken Greenpeace sei mit einem blauen Auge davon gekommen, andere sagen, dass die Sperrung der Videos, das Beste war, was ihnen passieren konnte. Getreu dem Streisand-Effekt. Bei dieser Kampagne scheint es keine Verlierer zu geben. Auch der VW-Konzern dem die Kampagne  gilt, hat sich bisher vorbildlich verhalten und dank offensiver Informationspolitik gepunktet. Ganz anders als Nestlé in einem ähnlichen Szenario. Der Lebensmittelkonzern ließ in der „KitKat-Palmöl-Affäre“ ein Video von Greenpeace auf YouTube zensieren und eine KitKat Fanseite auf Facebook verschwinden. So handelte er sich damals den Zorn der Netzgemeinde ein und verursachte den Streisand-Effekt selbst. Ob VW gegen die Darkside-Kampagne von Greenpeace etwas Ähnliches geplant hatte, oder gar bei Lucas petzen war, bleibt im Dunklen. Der Automobilkonzern fährt auf jeden Fall besser damit, Fragen zu den Vorwürfen von Greenpeace zu beantworten und eigene Argumente für seine Verkaufsstrategie im Netz zu platzieren. Und das machen die Verantwortlichen bei VW trotz all dem Social Media Gewitter sehr professionell. So geschehen auf 0511 web.de.

Krisenkommunikation des WWF im Shitstorm: Marathonlauf statt Schockstarre

Foto: Cornerstone / pixelio.de


Die PR-Abteilung des WWF ist momentan wirklich nicht zu beneiden. Vor etwa einer Woche (Mittwoch) flimmerte die Doku „Der Pakt mit dem Panda“ von Wilfried Huismann (Teil 1, Teil 2) über die deutschen Fernseh- und Computerbildschirme. Dabei wurde die Zusammenarbeit des WWF mit der Wirtschaft scharf kritisiert und die Kooperation mit Gentechnik-Konzernen vorgeworfen. Alle Vorwürfe hat der WWF selbst zusammengestellt und kommentiert.  Die WDR-Doku löste einen Sturm der Entrüstung unter den zahlreichen WWF-Unterstützern aus, ein Shitstorm der allerersten Güteklasse. Und als am Donnerstagabend die Kommunikation um 18 Uhr Feierabend machte, erntete  der WWF auch noch den belehrenden Zeigefinger der Blogger. Zurecht?

Diesem ersten Ansturm war der WWF nicht gewachsen. Scheinbar in Schockstarre verfallen, bezog er auf der Webseite erst am nächsten Tag Stellung. Für die PR-Blogosphäre eine untolerierbar lange Zeitspanne, um sich intern zu beraten, die Informationen zusammenzutragen, sie zusammenzufassen und vorwurfsbezogen zu reagieren. Das mag richtig sein, wenn so ein Thema am Vormittag aufpoppt, und eine PR-Abteilung von 4-5 Leuten die Sache stemmen kann. Erst Recht gilt das, wenn schon Tage vorher bekannt ist, was für eine Welle da auf die PR-Abteilung zurollt. Die Kritik, keinerlei oder schlechte Krisenkommunikation betrieben zu haben, wollte der WWF so nicht auf sich sitzen lassen und veröffentlichte eine interessante Chronik der Kommunikationsabläufe. Sie zeigt, dass mit sehr limitierter Menpower (zu Beginn 1-2 Leute) eine umfangreiche Krisenkommunikation eingeleitet wurde – unvorbereitet sieht anders aus. Die ergriffenen Maßnahmen waren keine Schnellschüsse sondern als leere Hüllen vorhanden, die erst nach Bekanntwerden der Filminhalte befüllt werden konnten. Dass der Feierabend zur besten Postingzeit um 18 Uhr am Donnerstag nicht der klügste Schachzug war, ist auch dem WWF bewusst.

Weiterlesen »

Lernen von einem Praktiker: Andreas Graf Bernstorff zu Besuch an der h_da

Auf dem Lehrplan der Viertsemester mit Schwerpunkt PR steht dieses Jahr: Kampagnen für Non-Profit-Organisationen. Das Seminar soll auf nicht-kommerzielle PR-Praxis vorbereiten. Was wäre da naheliegender, als von einem Praktiker zu lernen, der selbst solche Kampagnen initiiert und durchgeführt hat? Andreas Graf von Bernstorff war diese Woche zu Besuch an der Hochschule Darmstadt. Im Rahmen des PR-Seminares hat der ehemalige Kampagnen-Koordinator von Greenpeace über seine Erfahrungen gesprochen und uns gezeigt, wie eine Kampagne geplant werden kann.

„Eine Kampagne funktioniert nicht ohne Strategie“, sagt Bernstorff. Dabei gelte: gut geplant, ist halb gewonnen. Der Plan müsse während der Kampagne jedoch stets veränderbar sein. Doch wie strategische Kommunikation tatsächlich aussehen kann, lernte Bernstorff erst nach und nach auf seinem Lebensweg, der ebenso vielfältig ist wie seine Kampagnen.

Vom Lehrer führte ihn dieser Weg zum Journalisten, dann in die Politik und schließlich zu Greenpeace. „Mit der Kampagnenarbeit habe ich eigentlich bei den Grünen angefangen“, sagt Bernstorff. In Form einer Informationskampagne klärte er damals die Menschen über die Atom-Katastrophe in Tschernobyl und deren Folgen auf. Auch die Wahlkämpfe, die Bernstorff während dieser Zeit betreute und die seinen vollen Einsatz verlangten, schulten ihn für seine weiteren Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit.

Kommunikation funktioniert über den öffentlichen Auftritt“

Als er 1989 zu Greenpeace kam, lernte er dann, wie entscheidend Bilder für die Öffentlichkeit sind. Und wie intensiv man an guten Slogans und kräftigen Texten arbeiten muss, die auch die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Bevor ich nicht weiß, was die Medien der Öffentlichkeit präsentieren sollen, kann ich nicht mit der Arbeit anfangen“, sagt Bernstorff. Die Kommunikation laufe heutzutage über Bilder und Symbole und den öffentlichen Auftritt. Ein Slogan sollte vor allem kurz sein – nicht länger als vier bis fünf Wörter.

Letzteres berücksichtigte er auch bei der internationalen Kampagne gegen Giftmüllexporte in arme Länder. „Aus für Müllschieber“ titelte Greenpeace unter Bernstorff auf einem Plakat in Rumänien. Dort lagerte unter anderem deutscher Giftmüll, der Umwelt- und Gesundheitsschäden vor Ort anrichtete. Das war 1992. Greenpeace handelte damals stellvertretend für die Verantwortlichen und karrte einige der Müllfässer zurück nach Deutschland. Durch solche Aktionen brachte Greenpeace eine neue Direktheit in die Umweltdiskussion. „Das ist eine gute Möglichkeit, die gewollte Botschaft weit zu verbreiten und die Öffentlichkeit aufzurütteln“, meint Bernstorff.

Eine Kampagne als politisches Gesellschaftsspiel

Aufsehen erregte Greenpeace auch mit Hilfe von sogenannten „subversiven Aktionen“, die ganz unerwartet kommen und die bestehende Ordnung in Frage stellen. „Da muss man auch schon mal in Kauf nehmen, dass man ordnungswidrig handelt“, so Bernstorff. Ziviler Ungehorsam wie Hausfriedensbruch, das komme schon mal vor. Aber es dient ja dem guten Zweck. So beschafften sich Bernstorff und weitere Greenpeace-Aktivisten im Zuge von Anti-Atomkraft-Aktionen gefälschte Passierscheine, um auf ein Firmengelände zu gelangen. Fairerweise enthielten diese Scheine den Vermerk: “Dieses Dokument berechtigt nicht zum Betreten dieses Geländes“. Den Gegnern wird somit immer eine Chance gelassen. Dadurch bekommt das Ganze auch etwas Spielerisches. Nicht umsonst spricht Bernstorff bei einigen seiner Kampagnen von „politischen Gesellschaftsspielen auf höhere Ebene“ – also alles andere als eine bitterernste Angelegenheit. So kann der Gegner auch zum Mitspieler werden.

Das geschah beispielsweise auch bei der Giftmüllaktion in Rumänien. Um der Kampagne ein Gesicht zu geben, wählte Greenpeace den damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer als Gegenspieler aus. Ihm wurde damit sozusagen eine Rolle zugeschoben, denn formell war er nicht für den Giftmüll verantwortlich. Jedoch machte es in diesem Fall durchaus Sinn den Bundesumweltminister anzusprechen, da dieser nah genug am Entscheidungsprozess war. Am Ende hieß es dann also „Bernstorff gegen Töpfer“. Diese Art von Zweikampf funktioniere allerdings nur für öffentliche Auseinandersetzungen, sagt Bernstorff, denn „in organisations- oder unternehmensinternen Prozessen darf man niemals eine Person angreifen, sondern man muss einen Missstand oder Mangel benennen“.

Kooperation statt Konfrontation

Bernstorff weist auch darauf hin, dass eine Kampagne nicht immer auf Konfrontation hinauslaufen muss. Vor allem sollte es nie soweit gehen, dass der Gegenspieler sein Gesicht verliert. „Auch eine Organisation wie Greenpeace setzt sehr häufig eher auf Kooperation“, so Bernstorff. Aufgrund einer funktionsfähigen Kooperation und dem guten Zusammenspiel mit Töpfer und der Politik allgemein, konnte Greenpeace nach der Giftmüllaktion in Rumänien letztendlich wohl auch einen Erfolg verbuchen. „Wir haben bei den Vereinten Nationen erreicht, dass der Export von Giftmüll aus reichen in ärmere Länder verboten wurde“, sagt Bernstorff, „das ist das Höchste, das man erreichen kann, so etwas im Völkerrecht zu verankern“.

Auch seitdem er Greenpeace 2005 verlassen hat, ist Andreas Graf Bernstorff noch sehr aktiv. Neben diversen Dozententätigkeiten ist er mit seinem Unternehmen Bernstorff-Campaigning als Berater tätig und entwickelt weiterhin Kampagnen. Dabei sind es immer noch Themen wie Menschenrechte, Umweltschutz und Gesundheit, die ihm besonders am Herzen liegen. Bei seiner Arbeit beruft er sich nach wie vor auf den Grundsatz, den Greenpeace einst von den nordamerikanischen Quakern übernommen hat: „Wenn du Unrecht siehst, geh hin und lege Zeugnis ab.“

Warum sich Flattr nun auch für NGOs lohnt

Vor ein paar Monaten habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Flattr zum Fundraising einsetzen könnten. Gesine Gernand von Amnesty International und Volker Gassner von Greenpeace sahen damals verschiedene Probleme, Knackpunkt war letztlich das Flattr-Prinzip: Nutzer können nur von Flattr profitieren, wenn sie selbst Gelder verteilen. Volker Gaßner, Teamleiter Presse, Recherche und Neue Medien von Greenpeace, sagte dazu: “Unsere Spenden müssen wir satzungsgemäß anlegen und können sie nicht einfach weiterspenden.”

Dieses Problem hat sich erledigt. Flattr wartet zum Jahreswechsel mit einigen neuen Features auf. So ist es für NGOs nun möglich, ohne den Zwang selbst flattern zu müssen, an dem Social-Payment-Dienst teilzunehmen, wie Unternehmensleiter Linus Olsson bestätigt: “Aktuell müssen uns NGOs nur ein paar Informationen über die Organisation schicken, um als User gesondert gekennzeichnet zu werden. Über genaue Anforderungen beraten wir intern noch. Gebühren werden für sie aber auf jeden Fall nicht fällig.”

Besonders interessant dürfte in diesem Zusammenhang eine weitere Neuerung sein, die Linus Neumann vergangene Woche bei netzpolitik zusammengefasst hat: Über einen Spendenbutton können User Beträge ab zwei Euro direkt verteilen, ohne dass es vom monatlichen Flattr-Guthaben abgezogen wird.

Gemeinnützige Organisationen können darüberhinaus auch von indirekten Spenden profitieren. Wenn Nutzer am Ende des Monats nichts “geflattert” haben, überweist Flattr den Betrag zu jeweils gleichen Teilen automatisch an zurzeit fünf Organisationen. Mit welchen Beträgen diese rechnen können, ist noch nicht abzusehen: “Sobald wir Zahlen haben und die Zeit dafür finden, werden wir sie aber veröffentlichen”, sagt Olsson.

Zu den fünf Organisationen gehören aktuell die Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz, The Blood Cancer Associasion (unterstützt Forschung und Entwicklung der Hämatologie), Projekt Aware (unterstützt Schutz der Unterwasserwelt) und Sea Shepherd Conservation Society (“militante Umweltschutzorganisation”).

#Rally4Sanity: Event-PR im Web

Wie führt man Menschen mit ähnlichen Interessen und Zielen für ein Event zusammen? Die Rally to Restore Sanity and/or Fear findet am Wochenende in den USA statt. Sie zeigt beispielhaft, wie eine Event-Kommunikation im Web über Social Media aussehen kann und wie man Kommunikationskanäle für Nutzer sichtbar macht.

Weiterlesen »

Umverteilung oder Spende?

Warum sich Flattr für NGOs nicht lohnt – und wie Gründer Olsson darauf reagiert

Seit einigen Wochen ist der Social-Payment-Dienst Flattr – zumindest in der deutschsprachigen Bloggerszene – in aller Munde. Abseits von nicht praktikablen Abo-Systemen ist es neben Kachingle der erste nutzerfreundliche Ansatz, um für Online-Inhalte Geld zu bekommen. Warum? Weil es das Bedürfnis des Nutzers befriedigt, so wenig Aufwand wie möglich damit zu haben, für – der Definition nach – “geringwertige Güter” etwas zu zahlen.

Flattr befindet sich noch in der Beta-Phase, weist aber bereits erste kleine Erfolge auf. Ob und inwiefern sich der Dienst von Peter Sunde und Linus Olsson wirklich durchsetzt (vor allem auch außerhalb Deutschlands), steht noch in den Sternen. Dass aber überhaupt so viel über ihn gesprochen wird (potentielle Mitarbeiter der taz müssen Flattr kennen), spricht zumindest dafür, dass der Ansatz der richtige ist. Am Ende muss ein funktionierender Dienst nicht Flattr heißen.

Sascha Lobo etwa hat sich aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden, Flattr zu nutzen. Er kritisiert unter anderem, dass durch Flattr lediglich eine Umverteilung stattfindet:

“Diese Grössenordnungen und die zu erwartende Marktdurchdringung lassen mich vermuten, dass bei Flattr ein mittelgroßer Haufen Blogger das Geld im Kreis herumreicht. Natürlich, und das ist an den aktuellen, interessanten Zahlen zu erkennen, profitieren davon eine Handvoll großer Blogs oder die taz*. Aber schon das flattr-Prinzip – man kann nur geflattrt werden, wenn man selbst flattrt – deutet stark darauf hin, dass die Vielzahl der kleineren Blogs die wenigen, größeren bezahlen werden. Als Fan der Umverteilung von oben nach unten ist mir das nur mäßig sympathisch.”

Ob und inwiefern Lobos Vermutung zutrifft, hängt letztlich auch davon ab, ob es innerhalb der Gesellschaft eine Nachfrage nach einem effizienten Online-Micropayment-Dienst gibt oder nicht. Ist der Durchschnittsbürger grundsätzlich nicht dazu bereit für Online-Inhalte zu zahlen, nutzt auch das beste System nichts.

Doch selbst wenn nur innerhalb der Blogosphäre Geld umverteilt wird, kann dies für den Anspruch des Journalismus als vierte Gewalt nützlich sein. Was ist schlecht daran, wenn kleinere Blogs ihre hauptberuflichen Kollegen bei ihrer unabhängigen Arbeit unterstützen?

Besteht in der Gesellschaft allerdings diese Nachfrage, bleibt abzuwarten, ob Flattr eine kritische Masse erreicht, die das System langfristig trägt. Womöglich könnte dies sogar bei Printmedien zu dem Einsehen führen, dass für guten Journalismus nicht zwangsläufig und ausschließlich Bäume sterben müssen.

Eine weiterer Ansatz wäre, Flattr weiterzudenken: Könnten es NGOs in diesem Fall auch beim Fundraising einsetzen? “Grundsätzlich ist es ein sehr spannendes Instrument, auch um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen”, sagt Gesine Gernand von Amnesty International, schränkt aber ein, dass es nur einseitig ginge: “Wir haben einen Menschenrechtsauftrag, unsere Aufgabe ist es nicht, Geld zu verteilen.” Volker Gaßner, Teamleiter Presse, Recherche und Neue Medien von Greenpeace sieht das gleiche Problem: “Unsere Spenden müssen wir satzungsgemäß anlegen und können sie nicht einfach weiterspenden.”

Aktuell ist es – wie von Lobo beschrieben – nicht möglich an Flattr teilzunehmen, ohne selbst Geld zu verteilen. Ein Zustand, der nicht zwingend in Stein gemeißelt ist: “Die Idee ist, dass User wissen sollen, dass sich hinter Beiträgen, die sie flattern, jemand befindet, der bereit ist, dies auch für andere zu tun. Wenn es allerdings dadurch zum Beispiel für NGOs unmöglich ist, an Flattr teilzunehmen, sollten wir dafür eine Lösung finden”, sagt Olsson von Flattr, der nun Kontakt zu NGOs aufnehmen will.

Doch das Flattr-Prinzip ist nicht das einzige Problem. “Wenn Spender für einen Flattr-Klick eine Quittung haben möchten, wäre der Aufwand im Hintergrund zu groß dafür”, erklärt Gaßner. Auch die Sicherheitsfrage abseits der üblichen Bezahlverfahren wie Lastschrift und Kreditkarte ist derzeit noch ungeklärt: “Wir bei Amnesty agieren sehr restriktiv, um nicht in unsichere Fahrwasser zu geraten”, sagt Gernand.

Sie wird spannend zu beobachten sein, die Entwicklung von Flattr. Für diejenigen, die es selbst ausprobieren möchten, hat Olsson zehn Einladungen bereit gestellt:

4054076e664a4a426
9569f8087683cf55a
0cd830eb40762bdae
c509010de4369abca
fa62af58d8499f654
ed21ef4e4f59f9e94
e607491e1051b208b
bd83951d9726c992f
8009c9a7fd465f244
4f0cad75819245e92

(Eine Bitte: Wer eine Einladung annimmt, möge dies in Kommentaren dazu schreiben.)

Archiv