Semesterende: Ein paar Gedanken zum Blog(gen)
Mittwoch 9. Juli 2008 von Thomas Pleil
Fast ist’s geschafft, das Sommersemester neigt sich dem Ende zu. Die Studenten, die sonst hier bloggen, waren die letzten Wochen ausgefüllt mit Prüfungen und dem Erstellen der Abschlusspräsenationen und -dokumentationen der Semesterprojekte. Am Freitag wird die letzte Präsentation stattfinden. Ich habe heute nochmal alle Blogposts dieses Semesters hier gelesen – das Bloggen in den PR-Fundsachen gehört bekanntlich zu den Leistungen, die im Rahmen eines Seminars zu erbringen sind (neben anderen wie einem Kurzvortrag oder einem Wiki-Artikel). Wie lief das nun in diesem Semester mit den PR-Fundsachen (ganz subjektiv aus meiner Brille betrachtet)?
Zunächst der Rahmen: In unserem PR-Schwerpunkt sind diesmal 16 Studenten. Seit Semesterbeginn Anfang April sollte jede/r ein paar Posts schreiben, das Blog verfolgen und darin diskutieren. Die Idee ist seit sieben Semestern die selbe: Es geht um Themenfindung, eine (laufende) Beschäftigung mit der PR-Branche, um Erfahrungen mit dem Bloggen und dem Diskutieren in Blogs – und um die thematische Erweiterung der Lehre.
Soweit die Theorie (Präsentation dazu). Die Praxis ist nach meinem Eindruck in den vorigen sechs Semestern nicht so zweispältig gewesen wie in diesem. Ein paar Stichpunkte:
- In der Vergangenheit gab es Hemmungen, Artikel von Kommilitonen zu kommentieren. In diesem Semester dagegen wurde nach meiner Wahrnehmung immer wieder sehr gut diskutiert – das Blog ergänzte insofern das Lernen im Seminar.
- Die Diskussionen wurden jedoch von einem kleinen, harten Kern eigener Studenten und von einigen Gästen (danke schön hierfür!) bestritten.
- Natürlich kann und muss nicht jeder Blogpost groß diskutiert werden. Aber: Dass in diesem Semester fünf von 16 Studenten bis heute nichts gepostet haben, ist ein Negativrekord. Zum Vergleich: In der Vergangenheit war es typischerweise ein Student, der nicht mitmachte.
- Auffällig ist die Posting-Frequenz dieses Semesters: So ging es im April richtig zur Sache – vielleicht sogar ein bisschen zu sehr (mit spannenden Themen und 29 Posts), im Mai wurde ein immer noch gutes Niveau gehalten (acht Posts). Seit Anfang Juni dagegen herrscht mehr oder weniger tote Hose. Klar, bis zu einem gewissen Grad hängt das damit zusammen, dass die Projekte im Lauf eines Semesters immer mehr Energie binden.
Also zusammengefasst: In meinen Augen waren die PR-Fundsachen in diesem Semester eine Zeitlang klasse, sie wurden aber nur von einem Teil des Kurses gestemmt, und ab der Semestermitte ging langsam die Luft aus. Ausgehend von diesen Beobachtungen ein paar Anmerkungen zur Konzeption dieses Blogs, zu seiner Einbettung in die Lehre und dem Versuch einer Ursachenforschung. Dazu vorneweg: Ich habe die Studentengruppe als wirklich motiviert erlebt, und sie hat ein sehr intensives Semester hinter sich.
Im Lauf des Semesters haben wir im Seminar immer wieder über das Blog gesprochen. Über Schwierigkeiten bei der Themenfindung, über das Verhalten in Diskussionen, die Aufbereitung von Texten in einem Blog. Manchmal hätte im Blog vielleicht eine Diskussion noch fortgeführt, eine Frage noch beantwortet werden können. Dass das nicht geschehen ist, ist nicht so schlimm. Auffällig aber: Es fand kein Storytelling statt. Niemand berichtete von den drei Semesterprojekten der Studenten. Auch der von den Wissenschaftsjournalismus-Studenten organisierte Tag des Wissenschaftsjournalismus fand hier nicht statt, obwohl dort über Bloggen und Podcasten diskutiert wurde. Und auch die ein oder andere Diskussion aus einem Seminar hätte hier weiter geführt werden können. Wer hier bisher nicht gepostet hat, hätte also Themen direkt vor der Nase gehabt.
Dennoch ist mir klar: Es mag Studenten geben, die keine Lust zum Bloggen haben. Aber: Es gibt noch ganz andere, für einige wahrscheinlich wichtigere Gründe, hier nicht frisch und frei von der Leber weg zu schreiben. Denn dass solches Storytelling bisher nicht stattgefunden hat, hängt auch mit der Unsicherheit zusammen, was man aus Seminaren bzw. über Projekte schreiben darf und was für die Leser überhaupt interessant ist.
Andere Hemmnisse haben zwei Studentinnen neulich in einem Kommentar im Textdepot beschrieben:
“Die Motivation der Studenten, über PR Themen aktiv zu bloggen, ist sehr groß, aber der innere Schweinehund scheint manches Mal größer Wir verfolgen zwar alle aktiv die Blogosphäre und die aktuellen Diskussionen, doch es gibt eine Hemmung, sich dazu frei im WWW zu äußern. Wie Sie es schon treffend formulierten: Wir sind eben (noch) keine Profis und fühlen uns gegenüber anderen (PR-)Bloggern unterlegen. Natürlich haben wir eigene Meinungen zu den Themen, aber fragt man sich: kann man als Student wirklich profundes Wissen zu aktuellen Diskussionen beisteuern?!”
Dass das Bloggen eine Möglichkeit des persönlichen Reputationsmanagements ist, haben wir im Seminar oft angesprochen; ein großer Teil der Studenten hat das verinnerlicht. Aber aus der zitierten Aussage schimmert auch die Kehrseite durch: Großer Respekt vor dem Thema Online-Reputation. Was, wenn ich mich mit einem Blog-Post blamiere? Oder einen Kommentar bekomme, mit dem ich nicht umgehen kann? Schadet das womöglich meiner Bewerbung, wenn ich nächstes Jahr das Diplom in Händen halte? Fragen, die sich einige Studenten nicht zu Unrecht stellen.
Als ich die PR-Fundsachen im Frühjahr 2005 auf den Weg gebracht habe, war das noch ein bisschen einfacher: Damals gab es viel weniger PR-Blogs als heute; vieles war noch nicht diskutiert. Und deren Betreiber sind Praktiker, die schon eine Weile im Job sind und mehr Erfahrungen haben als Studenten, die gerade begonnen haben, sich intensiv mit PR zu beschäftigten.
Vielleicht stellt sich die Frage nach dem inhaltlichen Konzept des Blogs heute mehr denn je: Ich glaube, Studenten können sich in einem Blog wie den PR-Fundsachen trotzdem hervorragend positionieren und die oben erwähnten Erfahrungen sammeln. Etwa durch kurze Interviews mit Praktikern, kleine Fallstudien, Berichte über Events (einen nur hatten wir dieses Semester), Buchvorstellungen – und eben Einblicken in den Lehrbetrieb. Das erfordert natürlich – ähnlich wie eine Reportage in der Textwerkstatt – mehr Planung als am Abend ein bisschen zu surfen und aus dem Ergebnis einen Beitrag zu basteln (ich weiß, ich bin da oft genug ein schlechtes Vorbild). Das schließt natürlich nicht aus, sich ab und an auch an aktuellen Diskussionen zu beteiligen.
In diesem Zusammenhang fragt sich natürlich, welche Dialoggruppen die PR-Fundsachen haben. Aus meiner Sicht sind es zunächst die beteiligten Studenten selbst, in zweiter Linie Studenten anderer Hochschulen, drittens Praktiker (= potenzielle Arbeitgeber) und Studieninteressenten. Zumindest wäre das meine Reihenfolge.
Dann stellt sich eine didaktische Frage: Ist es überhaupt sinnvoll, das Bloggen zur Pflichtübung zu machen? Ich denke: Ja. Denn eine Absolventin/ein Absolvent unseres Studiengangs Online-Journalismus mit Schwerpunkt Online-PR muss Blogerfahrung gesammelt haben. Egal, ob man es mag. Egal, ob man es später mal einsetzt. Zu wissen, wie sich das Bloggen anfühlt, welche Schwierigkeiten es gibt und welche Erfolgserlebnisse, ist meiner Meinung gerade für unsere Absolventen ein notwendiger Baustein der Qualifikation. So wie ich eben als angehender Journalist auch lernen muss, was eine Glosse oder eine Reportage ist und probiere, wie die funktionieren. Dann weiß ich auch, wann bzw. wie sie sinnvoll einsetzbar sind und wann nicht.
Deshalb möchte ich daran festhalten, dass das Bloggen hier Teil einer Seminarleistung ist. Und im nächsten Semester gehört auch das Ausprobieren von Twitter dazu. (Die anderen Leistungsbausteine muss ich noch planen.) Die Frage ist, was man mit den Studenten macht, die sich trotzdem nicht beteiligen. Die einfache Lösung: Sie bekommen eine entsprechende Note. In diesem Semester fließt das Bloggen zu 25 % in die Note des Seminars Public Relations I ein. Wer nicht bloggt, kann also im besten Fall das Seminar mit der Note Zwei abschließen. Die Alternative, über die ich nun nachdenke: Wer nicht bloggen möchte, schlägt eine andere Leistung vor, die dann wie eine Zielvereinbarung gehandhabt wird. Nachteil dieses Weges: Ein definiertes Lernziel bleibt auf der Strecke. Chance: Wenn die Leistung geschickt gewählt ist, kann man sich eine andere zum Studium passende Sache anschauen.
So, und bevor ich nun um Kommenatare und Einschätzungen bitte, noch ein Ausblick: Eine Studentin bereitet gerade einen Relaunch der PR-Fundsachen vor. Neben neuen Funktionen und einer neuen WordPress-Version unter der Haube geht es hier natürlich vor allem um die Gestaltung des Blogs. Ich freue mich drauf. Und – trotz dringender Urlaubsreife – schon jetzt auf das nächste Semester mit der selben Studentengruppe.
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Kategorie: PR-Ausbildung | 17 Kommentare »
