Twitter startet Videodienst „Vine“

Die Gerüchte, dass Twitter sich breiter aufstellen wolle, brodelten schon einige Zeit, doch seit letzter Woche ist es offiziell: Twitter hat den Social-Media-Dienst „Vine“ aufgekauft. Wir zeigen, was Vine kann und weshalb man dieses Tool unbedingt im Auge behalten sollte.

Beispiel für einen Videoclip auf Vine

Der Aufbau des neuen Videodienstes ist denkbar einfach: Mit einer App und einem kamerafähigen Smartphone können Sechs-Sekunden-Clips aufgenommen werden, die man anschließend in den Sozialen Netzwerken teilen kann. In der Praxis sieht das Ganze dann so oder so aus.

An sich ist die Idee, die hinter Vine steckt nicht neu. Es gibt bereits zahlreiche Social-Media-Videoplattformen, wie beispielsweise Viddy oder Keek, die ebenfalls darauf setzen Videos schnell und einfach mit Kontakten zu teilen. Jedoch hat Vine seinen Konkurrenten gegenüber einen wichtigen Vorteil: Aufgenommene Videos lassen sich nicht nur bei Vine sondern auch direkt in den eigenen Twitterstream einbeinden, Facebook-Unterstützung soll bald folgen.

Die integrierte Tonspur lässt Vine dabei  auch an den viel genutzten Formaten GIF oder PNG – die ebenfalls als platzsparende Möglichkeit zur Darstellung von Bewegtmaterial dienen können, aber kein Audio unterstützen –  vorbeiziehen. Damit ist Vine momentan nicht nur die schnellste Möglichkeit, Videos bei Twitter einzubinden, sondern auch die zuverlässigste.

Inhaltliche Punktlandung

Vine ist jedoch nicht einfach nur ein neuer „Player“ unter den Sozialen Netzwerken. Sollte die Netzgemeinde den neuen Dienst annehmen – angesichts der Pläne, die Twitter mit Vine hat, scheint ein Scheitern eher unwahrscheinlich – könnten sich für Kommunikationsexperten ganz neue Chancen ergeben.

Das Informationsangebot im Netz ist heute bereits riesig und ohne Suchmaschinen und Aggregatoren eigentlich nicht mehr zu bewältigen. Für „große“ Produktionen, wie Dossiers oder ausschweifende Dokumentationen ist kein Platz mehr im schnellen Netz. Oder wann haben Sie das letzte mal spontan ein zwanzigminütiges Video angeschaut? Sechs Sekunden hingegen, fallen nicht so sehr ins Gewicht. Die eigene Aufmerksamkeit wird sympathischerweise nur für eine extrem kurze Zeit beansprucht.

Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich auch, ein Besinnen auf das Wesentliche. In sechs Sekunden ist kein Platz für Hintergrundinformationen oder Details, sondern nur für eine einzige Botschaft. Wer seine Inhalte erfolgreich verbreiten will, wird nicht umhin kommen sich auf den alten, journalistischen „Küchenzuruf“ zu besinnen.

In der Praxis könnte Vine beispielsweise dem klassischen Pressetext zu mehr Beachtung verhelfen. Pressemitteilungen werden ohnehin nicht gern gelesen oder nur überflogen. Texte, die in den ersten Sekunden nicht überzeugen, wandern in den Papierkorb. Hier könnte ein sechs sekündiges Video, welches die Kernbotschaft auf kreative Art und Weise verarbeitet, die Reichweite der eigenen Inhalte stark erhöhen. Wer mehr zu konkreten und praxistauglichen Anwendungen für Vine erfahren möchte und des Englischen mächtig ist, wird auf PR Newswire fündig.

Aller Anfang ist schwer

Unterdessen kämpft Vine bereits mit unsachgemäßer Handhabung: Bereits in der ersten Woche etablierten sich zahlreiche Hashtags unter denen Nutzer nicht-jugendfreies Material veröffentlichten. Die Nutzungsrichtlinien verbieten anstößiges oder pornographisches Material nicht per se. Zwar besteht die Möglichkeit entsprechenden Content zu melden, doch eine Löschung bzw. Sperrung erfolge erst, wenn die Beschwerden zahlreicher werden.

Ob sich hinter der Verbreitung von pornographischem Material über Vine mehr versteckt, als Schabernack einiger ungestümer Trolle, ist schwer zu sagen. Umso mehr hat Vine jedoch von seinem derzeit einzigen offiziellen Partner Apple zu befürchten.

Der Konzern hatte in der Vergangenheit seine Richtlinien im hauseigenen App-Store immer wieder verdeutlicht. Apps, die Nutzern das Teilen oder den Zugang zu nicht-jugendfreien Inhalten ermöglichen, wurden vom Marktplatz verbannt. Twitter und Vine müssen hier strategisches Kalkül beweisen: Ein Verbot der entsprechenden Inhalte wäre nur mit rigorosem Monitoring zu bewältigen – eine sehr kostspielige Angelegenheit für den Videodienst. Die Verbannung der App vom iOS-Store könnte Vine, welches sich noch immer in den Kinderschuhen befindet, jedoch empfindlich treffen.

Cat-Content ist nicht alles

Apple ist aber nicht Vines einziges Problem. Der Videodienst ist derzeit alles andere als ausgereift. Eine Umsetzung für Android und andere mobile Betriebssysteme steht noch aus. Auch Facebook unterstützt den Dienst bisher nicht und bis tatsächlich die ersten professionellen Veröffentlichungen mit Vine vom Stapel laufen, wird es wohl auch noch eine Weile dauern.

Es liegt also zunächst an den Nutzern selbst, das Potential von Vine zu erkunden. Möglicherweise könnten sich sechs Sekunden als zu kurz herausstellen, um kernige Botschaften zu transportieren. Auf der anderen Seite wäre es auch denkbar, dass Vine unseren Umgang im Social Web auf eine ähnliche Weise verändert, wie Twitter selbst es getan hat. Ob Vine oder Nicht-Vine, lässt sich momentan nicht eindeutig sagen. Fakt ist jedoch, dass der Videodienst das Zeug dazu hat, mehr zu sein als eine Schleuder für Cat-Content.

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