Spieleindustrie: Die Angst vor der PR

Peinliche Eigen-PR und unnötiges Abtauchen: Die Ereignisse von Winnenden haben zu ein paar seltsamen Kommunikationsmanövern geführt.

In einer beispiellosen PR-Aktion des Warenhauses „Galeria Kaufhof“ gab das Unternehmen Mitte März bekannt, alle Spielesoftware mit einer Altersfreigabe „ab 18“ nicht mehr anzubieten und auszusortieren. Die Umsatzeinbußen dürften sich in Grenzen halten, schaut man sich die mögliche Zielgruppe des „Kaufhof“ an. Rechnet man jetzt noch die Gelder für neue Kassensysteme und besser geschulte Kassiererinnen mit ein, die man aufbringen müsste um den Strafzahlungen zu entgehen, die anfallen, wenn mal wieder „ab 18“-Software an Zwölfjährige vertickt wird, fragt man sich, ob diese Maßnahme nicht sogar wirtschaftlich Sinn macht.

Das aus dieser PR-Aktion resultierende Saubermann-Image aber ist in jedem Fall unbezahlbar. Übrigens: Das von Medien häufig zitierte Vorzeige-Killerspiel „Counter Strike“ wird man nach wie vor in jedem Kaufhof erwerben können, denn es ist „ab 16“ freigeben.

Auch Politiker versäumen nicht aus der schrecklichen Tat von Winnenden einen persönlichen Vorteil ziehen zu wollen. An starke Pauschalisierungen und populistisches Gerede hat man sich ja mittlerweile fast gewöhnt, der CSU-Politiker Joachim Herrmann schafft es aber, in einer aktuellen Pressemitteilung einen neuen Tiefpunkt zu erreichen und schießt auf der Jagd nach konservativen Wahlstimmen weit über das Ziel hinaus. So schafft er es nicht nur den ohnehin schon negativ konnotierten Begriff des „Killerspiels“ durch das abstoßende Wort „Tötungstrainingssoftware“ zu ersetzen, sondern stellt gewalthaltige Videospiele auf eine Stufe mit Drogenkonsum und Kinderpornographie. So heißt es jedenfalls in der Pressemitteilung:

„In ihren schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt.“

Diese extrem tiefen Tiefschläge, die Herrmann da austeilt, stoßen zumindest auf ein wenig Gegenwehr in der Industrie. Die großen Branchenverbände Deutschlands fordern öffentlich eine Entschuldigung des CSU-Politikers.

„Das momentane Verhalten des Bayerischen Innenministers erinnert sehr stark an einen politischen Egoshooter, der sich mit rein populistischen und inhaltlich fragwürdigen Aussagen zu profilieren versucht.“ [Olaf Wolters, Geschäftsführer des BIU]

Man wundert sich, dass es erst derart harsche Polemik braucht, um eine Reaktion aus der Industrie zu bekommen. Darüber hinaus passiert aber bisher erschreckend wenig. Wie kann es beispielsweise sein, dass die Stadt Stuttgart eine Großveranstaltung der ESL, der „elektronischen Bundesliga“ für Computerspiele, aus Pietäts-Gründen absagt, eine der größten Waffenmessen aber im gleichen Monat stattfindet? Proteste von Seiten der Industrie oder der Veranstalter der ESL gab es kaum, die Waffenfreunde dagegen haben sich erfolgreich gegen die Stadt Stuttgart gewehrt.
Kuriosum am Rande: Noch vor dem Start der Waffenmesse wurden einige Gewehre gestohlen. Das ist natürlich weitaus ungefährlicher als das, von der USK „ab 16“ freigegebene, “Counter Strike”.

Wirtschaft und Politik polieren auf Kosten von sogenannten „Killerspielen“ ihr Image auf Hochglanz. Und die Videospiele-Industrie hält nicht dagegen. Meine lieben PR- Damen und -Herren der Publisher, Entwickler und wo immer Sie auch sitzen: Ihre Produkte werden einseitig dafür benutzt um sinnlose und grausame Morde zu begründen. Sie lassen es zu, dass Ihre Kundschaft stigmatisiert und auf eine Stufe mit Konsumenten von Kinderpornographie gestellt wird. Es kann nicht allein Aufgabe der Fachpresse sein, sich gegen die häufig falschen, haltlosen und überzogenen Vorwürfe zu wehren.

Es ist auch eine Aufgabe der Gesellschaft gegenüber über die einfache Sündenbock-Suche hinweg zu kommen – helfen Sie ihr dabei. Sorgen Sie dafür, dass differenzierter diskutiert wird und helfen Sie dabei mit, dass eine solche Tat von der Gesellschaft besser verarbeitet werden kann. Stellen Sie einen Dialog her, der die aktuellen pauschalen Abhandlungen seitens Medien und Politik durchbricht. Ihre Ignoranz gegenüber diesem Thema könnte man als stilles Eingeständnis werten.

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One thought on “Spieleindustrie: Die Angst vor der PR

  1. Mit Blick auf die augenscheinliche gesellschaftliche Verwahrlosung von Gamern hin zum vermeintlichen Amokläufer hat sich Dr. Frank Huber vom Media-Blog ein paar Gedanken zum Thema gemacht und mit “Responsible PC Gaming” ein überaus interessantes Konzept entwickelt, um aus dieser Spirale wieder raus zu kommen:

    http://blog.firstmedia.de/?p=2208

    Vielleicht findest du ja ebenso wie ich ein wenig Gefallen an seinen Gedankengängen.